Arbeiten Sie eigentlich gerne?

Und wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben? Lohnarbeit, Freiwilligenarbeit und Selbständigkeit: Neue Erkenntnisse aus der Glücksforschung

Arbeiten Sie eigentlich gerne?
Bruno S. Frey, photographiert von Philipp Baer.

Arbeit nimmt im Leben der Menschen einen zentralen Platz ein. Aber: macht sie auch glücklich? Oder anders gefragt: wären wir glücklicher, wenn wir weniger arbeiteten?

Die Glücksforschung kann zu diesen Fragen mittlerweile überzeugende Antworten geben. Sie unterscheidet zunächst drei unterschiedliche Konzepte des Glücks. Das kurzfristige Glück ist stark emotional geprägt. Dem gegenüber steht ein tiefgründiges Glück, das sich um die letzten Fragen dreht: Hat sich das (bisherige) Leben gelohnt? War es ein «gutes» Leben? Zwischen diesen beiden Extremen befindet sich die Lebenszufriedenheit, die in der modernen, empirisch orientierten Glücksforschung im Zentrum steht und mit der auch wir uns beschäftigen wollen.

Das Ausmass an Lebenszufriedenheit lässt sich mittels repräsentativer Umfragen ermitteln. Dabei wird die Frage gestellt: «Alles in allem genommen, wie zufrieden sind Sie mit dem Leben, das Sie führen?» Die Befragten geben dazu Werte auf einer Skala zwischen 0 («völlig unzufrieden») und 10 («völlig zufrieden») an.1

Die Antworten sind verlässlicher, als man vielleicht annehmen würde. Sie entsprechen dem, was die meisten Menschen unter «glücklich sein» verstehen. Es handelt sich dabei um ein subjektives Wohlbefinden, das sich in verschiedenster Weise äussert: Personen, die sich selbst als «zufrieden» bezeichnen, lächeln häufiger, sind optimistischer, unterhalten intensivere soziale Kontakte, haben weniger Probleme am Arbeitsplatz und tendieren weniger zum Selbstmord. Erfreulicherweise bezeichnen sich die meisten Menschen als mit ihrem Leben zufrieden: Ein grosser Teil gibt einen Wert zwischen 7 und 9 (von 10) auf der Skala an.

Beschäftigte sind glücklich

Unter den vielen Grössen, die einen eindeutigen Einfluss auf das selbstdeklarierte Glück haben, sticht eine besonders hervor: die Beschäftigungssituation. Aktiv beschäftigt zu sein ist glücksstiftend, und zwar über die Tatsache hinaus, dass damit auch Einkommen erzielt wird.

Mit ihrer Arbeit sind die Befragten im grossen und ganzen recht zufrieden. Zwischen 1984 und 2000 lag die durchschnittliche Arbeitszufriedenheit aller Erwerbspersonen in Westdeutschland auf der Skala von 0 bis 10 bei 7,25. In England waren die Erwerbstätigen mit ihren Jobs etwas zufriedener; der Durchschnittswert betrug 5,43 auf einer Skala von 1 bis 7. Die höchste Arbeitszufriedenheit zeigte sich 1999 in der Schweiz mit einem Arbeitszufriedenheitswert von 8,1 auf der Skala von 0 bis 10.

Glückliche Menschen bewähren sich auf dem Arbeitsmarkt gleich in mehreren Sparten und erweisen sich damit als erfolgreich. Sie verfügen über grössere Chancen auf einen Arbeitsplatz, der ihren Fähigkeiten und Wünschen entspricht. Sie arbeiten produktiver und kreativer, und sie erreichen im Vergleich zu weniger glücklichen Personen ein höheres Einkommen. Diese Wirkungen mögen trivial klingen, sollten aber nicht unterschätzt werden. Die Volkswirtschaften in Europa und gerade auch diejenige in der Schweiz können sich gegen die asiatische, insbesondere chinesische Konkurrenz nur behaupten, wenn die Arbeitnehmer hochmotiviert und damit verlässlicher und innovativer sind. Die Zufriedenheit der Beschäftigten zu steigern, hat nicht nur Auswirkungen auf deren persönliche Leistung, sondern auch auf die Wettbewerbsfähigkeit einer ganzen Wirtschaft. Deshalb ist es für die Firmenleitung bedeutsam, Arbeit interessanter zu gestalten, Langeweile durch Variabilität zu vermeiden und die Anstrengungen der Beschäftigten unterstützend zu begleiten. Ebenfalls zur Zufriedenheit – und damit zur Leistungsfähigkeit – der Beschäftigten trägt bei, wenn sie am Arbeitsplatz und in wichtigen Unternehmensentscheiden mitbestimmen können. Umgekehrt können die beiden Werte durch engmaschige Kontrolle und Überwachung negativ beeinträchtigt werden.

Folgen der Arbeitslosigkeit

Nichts streicht das Glückspotential der Vita activa – des tätigen Lebens – so heraus wie ihr unfreiwilliges Gegenteil. Der Verlust des Arbeitsplatzes vermindert in allen Ländern und in allen untersuchten Zeitperioden die Lebenszufriedenheit der Betroffenen erheblich. Normalerweise geht Arbeitslosigkeit mit einem Einkommensverlust einher. Arbeitslosigkeit wirkt sich aber weit über die finanziellen Konsequenzen hinaus aus. Arbeitslos zu werden erweist sich als einer der stärksten negativen Einflussfaktoren auf das Glück, vergleichbar mit Scheidung und Trennung vom Lebenspartner. Die Glücksforschung…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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