Arbeit ist mehr als Geld wert

Man mag von ewigen Ferien voll süssen Nichtstuns träumen. Leben würde man ohne Arbeit aber schwerlich können. Denn was uns als Mühsal erscheint, entlastet uns das Dasein.

Nichts hassen, nichts lieben die Menschen mehr als die Arbeit. Nichts kann uns so nerven und belasten, nichts so unendlich befriedigen. Arbeit ist paradox, das ist ihr Wesen, ihr Segen und ihr Fluch: So sehr wir sie zum Teufel wünschen, so wenig können wir, so wenig wollen wir auf sie verzichten.

Arbeit ist existenziell. Sie schafft Gründe, sie bringt uns mit Menschen zusammen, sie gibt uns einen Sinn. Auch wenn wir sie oft als Zumutung empfinden: Wer Arbeit auf eine lästige Notwendigkeit reduziert, der verfehlt ihre wahre Bedeutung. Ohne Arbeit verkümmert der Mensch, statt seine Fähigkeiten zu entfalten. Weder plädiere ich für eine gnadenlose Leistungsgesellschaft noch glaube ich, dass uns ein Gott dazu anhält, uns ein Leben lang abzuplagen. Allerdings glaube ich, dass wir die Arbeit brauchen. Und wir brauchen sie nicht nur, um unsere Existenz zu sichern. Wir brauchen sie für ein gutes, für ein gelingendes Leben.

Die Einwände gegen meine These liegen auf der Hand. Der erste lautet, dass Arbeit nicht gleich Arbeit sei. Der hochqualifizierte Chirurg mag seine Tätigkeit als befriedigend empfinden, aber was ist mit der Supermarktkassiererin, die sinnlos Waren über den Scanner schieben muss – und das auch noch schlecht bezahlt?

Der zweite Einwand besagt, dass Arbeit nicht alles sei. Dass es wichtigere Dinge gebe – die Familie, die Freunde und vieles mehr. Dass die Arbeit uns daran hindere, das zu tun, was wir wirklich tun wollten. Wenn wir nicht arbeiten müssten, hätten wir dann nicht mehr vom Leben?

Der dritte Einwand schliesslich ist, dass es mit der Arbeitsgesellschaft ohnedies bald zu Ende gehe. Dass demnächst die Computer und Roboter unsere Jobs übernähmen. Sollten wir nicht endlich ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen, statt sinnlos auf dem Sinn der Arbeit zu beharren?

Jeder dieser Einwände hat einen wahren Kern. Natürlich kommt es auf die Qualität der Arbeit an, gewiss gibt es noch andere wichtige Dinge im Leben, und sehr wahrscheinlich wird die technologische Entwicklung viele Jobs überflüssig machen. Und dennoch möchte ich den zentralen Wert der Arbeit gegen all jene verteidigen, die in ihr nur eine Plage sehen, ein tägliches Hamsterrad, aus dem wir uns endlich befreien sollten. Eine Welt ohne Arbeit ist nichts, was wir uns wünschen wollten. Und wer die Befreiung von der Arbeit herbeisehnt, der muss zumindest sagen können, was die Menschen dann mit ihrer Zeit anfangen sollen.

Um die Bedeutung der Arbeit für unser Leben zu verstehen, müssen wir zunächst einmal klären, was Arbeit überhaupt ist. Arbeit – das ist nicht einfach eine bestimmte Art von Tätigkeit. Jede Tätigkeit kann unter bestimmten Bedingungen Arbeit sein. Zur Arbeit wird sie erst, wenn sie in unserer Gesellschaft als Arbeit gilt, wenn wir ihr also diesen Status zuschreiben. In unserer kapitalistischen Gesellschaft verstehen wir darunter in der Regel Erwerbsarbeit, was freilich nicht heisst, dass sich solche Zuschreibungen nicht ändern können.

Ein Softwareprogrammierer «arbeitet» genauso wie ein Goldschmied oder ein freier Journalist, obwohl die Tätigkeiten kaum etwas gemeinsam haben. Die einzige Gemeinsamkeit besteht darin, dass alle drei bestimmte Dinge tun müssen, die ihre Tätigkeit in unserer Gesellschaft zur Arbeit machen – eine bestimmte Leistung erbringen, Termine einhalten, Qualitätsstandards beachten und so weiter.

Arbeit schafft «wunschunabhängige» Gründe. Sie erzeugt Verpflichtungen gegenüber Arbeitgebern, gegenüber Kunden und Kollegen, gegenüber sich selbst. Genau das ist es, was Arbeit von blosser Tätigkeit unterscheidet: Arbeit ist etwas, was man tun «muss».

Vielleicht haben Sie keinerlei Lust, eine bestimmte Aufgabe zu erledigen, an einem bestimmten Meeting teilzunehmen. Aber Sie haben einen Arbeitsvertrag, Sie wirken an einem Projekt mit, Sie gehören zu einem Team. All das gibt Ihnen einen Grund, diese Dinge zu tun, auch wenn Sie lieber etwas anderes tun würden. Und wenn Ihnen der Job am Herzen liegt, dann werden Sie es auch dann tun, wenn es sie eigentlich nervt.

Was wir in der Arbeit oft als Zwang empfinden, erscheint uns in anderen Bereichen des Lebens ganz selbstverständlich. Eltern müssen ihre Kinder auch dann zur Schule bringen, wenn es ihnen gerade keinen Spass macht – und zwar ganz einfach deshalb, weil es ihre Pflicht ist. Im Job ist es nicht viel anders.

Arbeit schafft Gründe – das heisst auch, sie schafft Gewohnheiten und Muster, sie gibt dem Leben Struktur. Trotz aller Belastungen hat Arbeit daher auch eine entlastende Funktion. Wenn Sie arbeiten, müssen Sie nicht jedes Mal überlegen, was Sie am nächsten Tag tun sollen. Sie wissen eben, dass Sie arbeiten müssen. Eines der Probleme, unter denen arbeitslose Menschen leiden, besteht darin, dass ihnen genau diese wunschunabhängigen Gründe fehlen. Genau deshalb fallen sie oft in ein «Loch». Wo ein Loch ist, da fehlt etwas. Und was fehlt, das ist nicht nur das Geld. Es ist die Arbeit.

Stellen wir uns eine Welt ohne Arbeit vor. Eine Welt, in der allgemeiner Wohlstand herrscht. Eine Welt womöglich, in der die Maschinen alle Arbeit machen. Warum sollten wir in einer solchen Welt überhaupt einer Tätigkeit nachgehen? Welche Gründe hätten wir dazu?

Nehmen wir eine extreme Form, unsere Zeit zu verbringen: Man könnte einfach gar nichts tun. Zwar lässt sich nicht beweisen, dass es schlecht ist, überhaupt nichts zu tun. Aber es gibt ein gutes Argument: Wer gar nichts tut, verpasst immerhin die Chance, etwas zu tun.

Der amerikanische Rechts- und Moralphilosoph Ronald Dworkin meinte, dass Menschen die ethische Verantwortung hätten, etwas aus ihrem Leben zu machen – wie ein Maler, der vor der Aufgabe steht, aus seiner leeren Leinwand etwas Wertvolles zu erschaffen. Aus Dworkins Sicht müssen wir unser Leben ernst nehmen, es als Herausforderung begreifen. Natürlich muss jeder für sich entscheiden, was ein gutes, ein gelingendes Leben ist. Der eine sieht seine Erfüllung als Künstler, der andere als Investmentbanker – und manche sehen ihr Lebensziel darin, möglichst viele Kinder grosszuziehen.

Die Lebensentwürfe mögen verschieden sein. Doch von einem war schon Aristoteles überzeugt: Für ein gelingendes Leben ist es wichtig, unsere Fähigkeiten zu entfalten. Arbeit ist ein Vehikel dazu, wenn auch nicht das einzige. Sie bietet die nötigen Kriterien, die Herausforderungen und Probleme, an denen wir uns messen können.

Es gibt zwei Sichtweisen, die unseren Blick auf die Arbeit bis heute bestimmen. Aus der einen ist Arbeit lediglich ein Mittel zum Zweck: Wir arbeiten, weil wir arbeiten müssen, um unsere Existenz zu sichern. Aus der anderen Sicht dient Arbeit der Selbstverwirklichung, sie hat einen inneren Wert, der in ihr selbst liegt – wir sind, was wir tun.

Beide Sichtweisen sind nicht ganz falsch, doch keine ist wirklich befriedigend. Die «instrumentelle» Sicht erklärt nicht, warum uns Arbeit Freude macht. Die andere, die «expressive» Sicht, vernachlässigt den Umstand, dass wir eben auch arbeiten, um damit Geld zu verdienen. Arbeit ist weder nur Mittel zum Zweck noch ist sie ausschliesslich Zweck in sich selbst.

Gute Arbeit, so behaupte ich, hat sowohl eine instrumentelle als auch eine expressive Dimension. Sie vermittelt nicht bloss äussere Werte, wie Einkommen oder Prestige, sondern auch innere Werte, die in der Arbeit selbst liegen.

Diese inneren Werte unterscheiden sich von Job zu Job. Aber einige gelten sicherlich für jede Form von Arbeit. Gute Arbeit, so denke ich, sollte etwa Erfahrung vermitteln, indem sie Probleme und Herausforderungen schafft, aus denen wir lernen können. Sie sollte Erlebnisse ermöglichen, die in sich selbst lohnend sind, weil sie unsere Fähigkeiten zur Geltung bringen. Sie sollte Kooperation, Vertrauen und Anerkennung fördern. Und sie sollte Bedeutungshorizonte schaffen, die es Menschen erlauben, ihre Identität über ihren Job zu definieren, in dem sie weite Teile ihres Lebens verbringen.

Mein Vorschlag ist, Arbeit nicht länger auf eine bestimmte Form der Tätigkeit zu reduzieren, sondern sie als «Lebensform» zu begreifen, als ein komplexes Ensemble sozialer Praktiken. Jede Arbeit besteht aus einer Vielzahl von Regeln, Routinen und Ritualen, es gelten Bräuche und Konventionen, es herrscht eine bestimmte Kultur. So kann ein Job durchaus monotone Tätigkeiten beinhalten und doch befriedigend und sinnstiftend sein, weil er etwa Menschen zusammenbringt und eine vertrauensvolle Atmosphäre schafft. Von einer gewissen Verachtung zeugt es, wenn wir die Arbeit der Supermarktkassiererin nur deshalb geringschätzen, weil sie nicht so «qualifiziert» oder «kreativ» ist wie der Job eines Chirurgen.

Wenn wir die Qualität von Arbeit beurteilen wollen, müssen wir genauer hinschauen. Nicht jeder langweilige Job ist auch schon entfremdet, so wie umgekehrt nicht jeder kreative Beruf bereichert und erfüllt. Die eine Arbeitsform passt für diesen, die andere für jenen. Die einen wollen möglichst autonom arbeiten, die anderen eher fremdbestimmt.

Es mag Formen von Arbeit geben, die weder innere noch äussere Werte erzeugen, die Menschen systematisch zerstören und auch noch schlecht bezahlt sind. Solche Jobs sollten wir abschaffen, wenn es irgendwie geht. Aber die Verantwortung für gute Arbeit liegt nicht nur bei den Unternehmen und der Politik, sondern auch bei den Mitarbeitern selbst.

Gute Arbeit ist nichts, was einfach geschaffen oder von oben verordnet werden kann. Sie erfordert auch das Engagement jedes einzelnen. Genau deshalb können Menschen auch in scheinbar öden Jobs Erfüllung finden, während andere selbst am besten Arbeitsplatz der Welt immer nur unzufrieden sind.

Wer einen Job macht, der sollte zumindest versuchen, ihn gut zu machen, sonst kann er die inneren Güter der Arbeit nicht realisieren. Und wer immer nur unglücklich im Job ist, der kann nicht nur seinen Arbeitgeber oder das «System» dafür verantwortlich machen. Er ist auch ein Stück weit selbst daran schuld.

Thomas Vašek ist Philosoph, Chefredaktor des philosophischen Magazins «Hohe Luft» und Autor von «Work-Life-Bullshit: Warum die Trennung von Arbeit und Leben in die Irre führt» (München, 2013).

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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