Arbeit im Schatten der Wirtschaft

Das Ausmass der Schattenwirtschaft hat in den letzten Jahren in fast allen OECD-Staaten zugenommen. Die Ursachen sind vielfältig. Sie hängen mit der Zunahme der Staatsquote ebenso zusammen wie mit Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und einem generellen Wertewandel. Will man das Phänomen erfolgreich bekämpfen, ist dort anzusetzen.

Die Schattenwirtschaft ist ein Phänomen, das in den letzten Jahren vermehrt Interesse in der Öffentlichkeit erfahren hat. Es liegt zwar in der Natur der Sache, dass Informationen dazu schwer zu bekommen sind. Trotzdem deuten alle Indizien darauf hin, dass das Ausmass schattenwirtschaftlicher Tätigkeiten stark zugenommen hat. Verschiedene Gründe sprechen dafür, dass sich die Finanzpolitik mit diesem Thema beschäftigen sollte.

Zum einen kann das Anwachsen der Schattenwirtschaft als Ausfluss wachsender Unzufriedenheit der Bürger mit dem Staat interpretiert werden. Die Möglichkeit, politische Veränderungen über demokratische Einflussnahme zu erreichen, wird weniger wahrgenommen. Stattdessen wählen viele das Abtauchen in die inoffizielle Wirtschaft. Zum anderen untergräbt die Ausdehnung der Schattenwirtschaft die Steuer- und Sozialversicherungsbasis. Damit steigt der Druck auf die Staatsausgaben und die Steuersätze. Drittens verzerrt eine prosperierende Schattenwirtschaft die offiziellen Statistiken, beispielsweise zu Arbeitslosigkeit, Erwerbstätigkeit, Volkseinkommen, Sozialprodukt oder Konsum. Dies hat zur Folge, dass auch die Wahrnehmung politischer Herausforderungen verzerrt ist und die Beurteilung staatlicher Programme zufällig wird. Schliesslich sollten die Effekte der Schattenwirtschaft auf die offizielle Wirtschaft beachtet werden. Mindestens zwei Drittel des inoffiziell erwirtschafteten Einkommens werden in der offiziellen Wirtschaft wieder ausgegeben und erhöhen damit das Sozialprodukt.

Die Messung des Ausmasses schattenwirtschaftlicher Tätigkeiten ist nicht trivial. Schliesslich lassen sich direkte Informationen zur inoffiziellen Wirtschaft nur auf Umwegen und darum ungenau erheben. Zudem stellt sich bei der Messung die Frage der Definition. Welche Aktivitäten gehören überhaupt zur Schattenwirtschaft, welche nicht? Die nachfolgenden Berechnungen gehen von der erwerbswirtschaftlichen Schattenwirtschaft aus. Es handelt sich dabei um nicht deklariertes Einkommen aus der Produktion legaler Arbeiten, Güter und Dienstleistungen – aus ökonomischen Transaktionen also, die grundsätzlich steuerbar wären. Solche legalen erwerbswirtschaftlichen Aktivitäten tragen zur Wertschöpfung eines Landes bei, werden aber, aufgrund der illegalen Nichtdeklaration, im offiziellen Sozialprodukt nicht erfasst. Zur Ermittlung des Ausmasses der Schattenwirtschaft werden unterschiedliche Messmethoden verwendet. Bei den direkten Messverfahren wird der Umfang der Schattenwirtschaft aufgrund von Umfragen oder Resultaten aus der Steuerprüfung geschätzt. Diese direkte Methode wurde von der US-amerikanischen Steuerbehörde Internal Revenue Service (IRS) mehrfach gewählt.

Bei den indirekten Messverfahren gibt es verschiedene Möglichkeiten. Erstens lässt sich das Bruttosozialprodukt in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung über die Einnahmen- wie auch über die Ausgabenseite berechnen. Theoretisch müssten die beiden Berechnungswege zum gleichen Resultat gelangen. In der Praxis entsprechen sich die beiden Saldi allerdings nicht, es bleibt eine Lücke. Diese Lücke kann als Indikator des Ausmasses der Schattenwirtschaft interpretiert werden. Zweitens kann über den sogenannten Bargeldansatz auf den Umfang der Schattenwirt-schaft geschlossen werden. Es wird angenommen, dass schattenwirtschaftliche Tätigkeiten vor allem mit Bargeld abgewickelt werden. Damit ist die Vertraulichkeit des Geschäfts besser gewahrt als über rückverfolgbare Zahlungsaufträge. Schätzt man die Bargeldnachfragefunktion, bleibt jeweils ein unerklärter Rest. Dieser Rest kann als Bargeldnachfrage aus der Schattenwirtschaft interpretiert werden. Ähnlich wird beim Ansatz des physischen Inputs vorgegangen. Um die gesamte ökonomische Aktivität einer Volkswirtschaft zu erfassen, eignet sich die Messung des Energieverbrauchs. Die Differenz zwischen dem Wachstum des offiziellen Sozialprodukts und des Energiekonsums lässt auf die Entwicklung der Schattenwirtschaft schliessen. Dieser Ansatz ist vor allem für Volkswirtschaften geeignet, deren Geldwirtschaft wenig ausgeprägt ist und in denen deshalb viele Aktivitäten über Tauschgeschäfte abgewickelt werden.

Die folgenden Berechnungen basieren auf dem Bargeldansatz. Wie die Tabelle auf Seite 8 zeigt, gibt es weltweit grosse Unterschiede. Die Spanne unter den aufgeführten 21 OECD-Ländern reicht von knapp 9 Prozent bis zu etwa 3 Prozent Schattenwirtschaft, gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP). Überdies wird bei der zeitlichen Entwicklung deutlich, dass das Ausmass der Schattenwirtschaft in den meisten Staaten deutlich angewachsen ist. Im OECD-Durchschnitt nahm allein in den letzten 14 Jahren der Anteil der Schattenwirtschaft am offiziellen BIP um mehr als 24 Prozent zu. An der Spitze liegen die südeuropäischen Länder mit rund 25 bis 28 Prozent…

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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