Apropos Ungleichheit
Natanael Rother, zvg.

Apropos Ungleichheit

Eine Anekdote zur verkorksten politischen Debatte über Ungleichheit.

«Zu links», raunte mein Sitznachbar während eines wissenschaftlichen Vortrags, der erklärte, dass Einkommen in vielen Ländern heute ungleicher verteilt seien als auch schon. Der Sachverhalt selbst blieb unkommentiert, getreu dem Motto: «Ignore the message, shoot the messenger!» Diese Anekdote steht sinnbildlich für die verkorkste politische Debatte zur Ungleichheit: Während die einen sich stets auf vermeintliche Negativschlagzeilen konzentrieren und dabei über jene Länder hinwegsehen, in denen Disparitäten unspektakulär stabil sind (z.B. die Schweiz), lassen sich andere gar nicht erst auf eine ernsthafte Diskussion ein und verstecken sich hinter ihren Ideologien.

Profitieren würde die Diskussion von zwei Dingen: Zum einen von der zwar unbequemen, aber simplen Erinnerung daran, dass Menschen nun mal verschieden sind und es deshalb keinen Sinn macht, Ungleichheit per se als etwas darzustellen, das «eliminiert» werden müsste. Das bedeutet aber nicht, dass wachsende Ungleichheit per se «unpro­blematisch» sei. Denn: Nicht alle Vermögens- oder Einkommensunterschiede beruhen auf freiwilligen Entscheiden, sondern vielfach auf Faktoren, die sich kaum beeinflussen lassen, etwa Talent oder Glück, und zuweilen wohl auch auf unterschiedlichen Startchancen. Und wenn der Gap zwischen denen, die «es schaffen», und denen, die etwas leisten, aber finanziell an Ort und Stelle treten, zu gross wird oder zu viele Bürgerinnen und Bürger meinen, es gehe unfair zu und her – können ganze Staatssysteme kippen.

Immer mehr, so scheint es, wird nun von der Wirtschaft erwartet, für ausgeglichene Verteilung zu sorgen, und von der öffentlichen Hand, Wohlstand zu generieren. Es sollte aber genau andersrum sein: Es sind die Unternehmen, die unseren Wohlstand erarbeiten, während die Politik den sozialen Frieden sichern – und nicht nur: erkaufen – soll. Sie muss auf die Behebung von tatsächlichen, unverschuldeten Nachteilen fokussieren und darf nicht länger Neiddebatten schüren, die am Ende Wohlstand vernichten, statt ihn zu mehren. Kann zwar sein, dass damit die Ungleichheit abnimmt, aber wenn es uns allen gleich miserabel geht, ist damit nichts gewonnen.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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