Après vous, chère langue!

«Gegengabe» – dieses Wort aus der Feder eines Dichters lässt aufhorchen. Zu nahe sind «gegen» und «geben» von ihrer Wortgestalt her. Hofft, wer gibt, auf eine Gegengabe, oder vermag die Gabe eine grosszügigere Vorstellung von Ökonomie zu eröffnen, in der derjenige, der gibt, beschenkt wird, ohne auf Gegengaben gehofft zu haben? Dann wäre die Hoffnung auf Entgelt nicht zwingend gegeben. Erst im Abbruch der Vorstellung einer geregelten Ökonomie von Gabe und Gegengabe ginge jene Hoffnung auf, die bekanntlich Pandora, die ihrem Namen gemäss «alles gibt», in ihrer Büchse zurückbehielt. Aus dem Verb «geben» sind die beiden Substantive «Gabe» und «Gift» hervorgegangen. Die Gabe kann ein Gift sein, denkt der Schenkende beim Geben schon oder nur an die Gegengabe. Wer gibt, muss warten können, ohne auf Gegengaben zu hoffen. Dasselbe gilt für den Beschenkten.

Von diesem Warten handelt das neueste Buch von Felix Philipp Ingold, in dem sich sehr verschiedene Textsorten befinden, «zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern». Beim Durchstreifen dieser Felder wird der Leser reichlich beschenkt. Von ganz verschiedenen Seiten her kommend, umkreist der Autor unermüdlich die Sprache als Gabe, die keine von sich aus erkennbare Gegengabe enthält. Sprache ist für Ingold nicht blosse Mitteilung, in der ein schon gegebener Gegenstand – eine Idee, ein Gedanke – in Sprache gekleidet und mit andern Menschen geteilt wird. Was im Reden miteinander geteilt wird, ist nicht sogleich als Gabe erkennbar. Bevor eine Meinung (mit)geteilt wird, erscheinen die Wörter in ihrer eigenen klanglich-rhythmischen Gestalt. Ein wartendes Lesen, Schreiben und Reden, aber auch Hören, gibt der sinnlichen Wortgestalt einen Spielraum, in dem die Wörter nach ihrem eigenen Echo rufen und dieses auch auszulösen vermögen. Die Idee – die erkennbare Gabe – stellt sich zuletzt ein, und das Verstandene wird erst im Akt des Verstehens hervorgebracht.

In Form von Gedichten, Übersetzungen, Tagebucheinträgen, poetologischen Reflexionen, Anekdoten, zeitkritischen Bemerkungen und literaturwissenschaftlichen Analysen weist Ingold immer wieder auf das «beglückende Wort ohne Sinn» hin, das Lücken offen hält in den immer enger werdenden Maschen der Kommunika-tionsgesellschaft. Jedoch ist Poesie für Ingold kein Mittel im Kampf gegen Verrohung, Indifferenz und zunehmende Gewalt. Als Gegengabe, die das «gegen» im Geben auflöst, kann es nicht ihre Absicht sein, gegen drohenden Sprachzerfall anzukämpfen.

Es stellt sich jedoch die Frage nach demjenigen, der gibt, nach dem Autor, der nicht etwas Bestimmtes durch seine Texte aussagen will, sondern der sich eher in einer Art von Suchbewegung der Sprache ausliefert und dabei dazusieht, dass diese nicht ins Endlose ausufert. Damit sind auch die Fragen nach dem Ende der Texte und dem Tod des Autors gestellt, die Ingold anhand vieler Dichterbeispiele aufwirft und diskutiert. «Wie altern, wie scheitern, wie enden?» Diese Fragen verleihen dem Buch eine existentielle Dimension, die die sprachkritischen und poetologischen Betrachtungen immer wieder zurückführt auf die Frage des Gebens ohne gesicherte Gegengabe, und diejenige der Hoffnung, die nie gegeben sein kann.

vorgestellt von Marco Baschera, Zürich

Felix Philipp Ingold: «Gegengabe». Basel/Weil am Rhein: Urs Engeler Editor, 2009

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»