Apocalypse – Maybe Later

Prognosen, wonach die Menschheit vor dem Untergang stehe, wenn sie ihre Umwelt nicht schleunigst besser behandle, haben eine lange Tradition. Dass sie oft korrigiert werden müssen, allerdings auch. Willkommen in der Geisterbahn der Ökoapokalyptik.

Apocalypse – Maybe Later
Bild: Tristan Ferne / Flickr / CC BY 2.0.

Das Ende ist nah. Wie nah genau, ist noch umstritten. In zwölf Jahren? Das behauptet die US-Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez – wenn keine drastischen Massnahmen gegen die Klimakrise ergriffen werden. YouTuber «Rezo», gibt der Menschheit noch neun Jahre. «Wir haben nur noch 13 Jahre», titelte die deutsche «BILD-Zeitung» bereits im Jahr 2007, verlängerte die letzte Frist jedoch 2019 unter Berufung auf «australische Forscher» auf 31 Jahre. 2050 soll dann endgültig Schluss sein.

Wirklich? Seit einem halben Jahrhundert sagen Wissenschafter, Journalisten und Aktivisten schlimme und schlimmste Folgen eines Klimawandels voraus. Einige davon sind auch eingetreten. So schrumpfen die meisten Gletscher, und das Eis am Nordpol zog sich zurück. Allerdings nicht so rasant wie vorhergesagt: 2009 hatte Al Gore das völlige Verschwinden des Nordpols für 2016 anberaumt. Auch die Zahl der Eisbären nahm entgegen den Erwartungen nicht ab, sondern zu. Trotz drastischer Prophezeiungen gab es weltweit nicht mehr Stürme und Dürren und immer weniger Menschen starben durch klimabedingte Naturkatastrophen. Im Gegensatz zum Nordpol (und zu den Vorhersagen) wächst die Eisdecke auf der Landmasse des Südpols und der globale Meeresspiegel steigt um etwa drei Millimeter im Jahr, was im erdgeschichtlichen Vergleich moderat ist. Vor 30 Jahren hatten Experten vorausgesagt, die Malediven würden bis 2018 versunken sein.

«Treffen die Vorhersagen nicht ein, ist dies selten Anlass zu Kritik oder gar einer Revision. Zumeist wird es einfach immer stiller um das Thema und eine neue Panik ersetzt die alte.»

Die verfehlten Klimaprognosen stehen in einer langen Tradition der Ökoapokalyptik. Bereits Leonardo da Vinci prophezeite, die Rodung der Wälder und die Ausbeutung der Bodenschätze würden böse enden. Mit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert erlebten pessimistische Umweltprognosen eine Hochkonjunktur. Und als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verheerende Industrieunfälle ganze Landstriche verseuchten, überboten sich Experten aus Nordamerika und Europa mit apokalyptischen Szenarien. Manches wurde wahr. Doch angesichts der Luftverschmutzung, vergifteter Flüsse, verschandelter Landschaften und des Verlusts von Tier- und Pflanzenarten formte sich auch eine Gegenströmung. Umweltschutz wurde zu einem der wichtigsten Ziele westlicher Gesellschaften und bald darauf der ganzen Welt – und die Umweltsituation besserte sich. Doch die Vorhersagen wurden dadurch nicht moderater, sondern im Gegenteil immer schriller. Nun standen eben nicht mehr Industrieabgase oder stinkende Müllberge im Fokus, sondern eine zukünftige Klimakatastrophe. Das ist durchaus typisch für diese Art von Prognosen: Treffen die Vorhersagen nicht ein und der Weltuntergang bleibt aus, ist dies selten Anlass zu Kritik oder gar einer Revision. Zumeist wird es einfach immer stiller um das Thema, es gerät in Vergessenheit und eine neue Panik ersetzt die alte.

Willkommen in der historischen Geisterbahn der Ökoapokalyptik. Beginnen wir mit einem Thema, das in den 1980er Jahren die Schweiz, Deutschland und Österreich erschütterte.

Zwischen Anfang der 1980er und Mitte der 1990er Jahre war man in den deutschsprachigen Ländern davon überzeugt, dass in wenigen Jahren kein Baum mehr Blätter oder Nadeln tragen würde. Die Tonlage in Medien und Politik ähnelte frappierend der heutigen in Sachen Klima. Seltsamerweise endete die Angstwelle an den Grenzen zu Frankreich, Italien und anderen Nachbarländern, wo das deutsche Wort «Waldsterben» in den Sprachschatz einging, man jedoch gelassen blieb. Die faktische Basis des Phänomens waren grossflächige Waldschäden in einigen Mittelgebirgen, die durch einige trockene Jahre und die ungefilterten Abgase von Braunkohlekraftwerken ausgelöst worden waren. Die betroffenen Wälder erholten sich, nachdem die Kraftwerke modernisiert worden waren und es wieder mehr regnete. Die Schweiz, Österreich und Deutschland wurden entgegen den Vorhersagen nicht zu baumlosen Steppen. Die Forststatistik belegt, dass selbst in der Zeit der grössten Waldsterbenspanik die Waldfläche insgesamt nicht schrumpfte, sondern wuchs.

Das Ende aller Ressourcen ist ein Klassiker unter den Endzeitprognosen, den bereits Thomas Malthus (1766 bis 1834), der Urvater der Ökoapokalyptik, ausgemalt hatte. Bisher kam es immer anders. Erstens bewirkte der technische Fortschritt, dass viele Rohstoffe sparsamer verwendet werden. So verbraucht ein moderner Verbrennungsmotor einen Bruchteil des Treibstoffes, den seine Vorgänger benötigten. Zweitens wurden durch bessere Explorationsmethoden neue Rohstoffvorkommen entdeckt. Und drittens starb die Nachfrage nach manchen Rohstoffen aus, da sie durch andere, bessere ersetzt wurden. So war Walöl im 19. Jahrhundert noch der wichtigste Schmierstoff der Industriellen Revolution – bis es durch die Nutzung von Erdöl obsolet wurde.

Paul Ehrlichs Weltbestseller «The Population Bomb» erschien 1968, als 3,5 Milliarden Menschen die Erde bevölkerten. Damals war die «Überbevölkerung» neben dem Atomkrieg das populärste Kata­strophenszenario. Im Prinzip war Ehrlichs Dystopie ein Aufguss von Malthus, der glaubte, es gäbe ein Naturgesetz, dass Nahrung und andere Ressourcen nicht mit dem Wachstum der Bevölkerung Schritt halten könnten. Dies wurde im 20. Jahrhundert von der Realität widerlegt. Die Weltbevölkerung wuchs auf heute 7,7 Milliarden, doch der Prozentsatz der Menschen, die extrem arm sind oder gar hungern, nahm stetig ab. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau sank von 5 in den 1960er Jahren auf gegenwärtig 2,5. In China wurde dies durch Zwangsmassnahmen durchgesetzt. In vielen anderen Ländern sank die Geburtenrate durch Wirtschaftswachstum und bessere Bildung für Mädchen. Bevölkerungswissenschafter rechnen heute damit, dass um das Jahr 2050 bei einer Weltbevölkerung von etwa zehn Milliarden oder leicht darunter das Wachstum der Menschheit beendet sein wird.

Der Verlust der biologischen Vielfalt ist eine besonders fatale Form der Umweltzerstörung, da er – anders als etwa Luftverschmutzung oder die Belastung von Gewässern – nicht rückgängig gemacht werden kann. Massenhaftes Aussterben von Tierarten ist seit über 100 Jahren ein Thema von Prognosen. Doch niemand kann sagen, wie hoch die aktuelle Aussterberate ist. Es gibt extrem unterschiedliche Hypothesen und Vermutungen, die von einer Art pro Jahr bis zu einer pro Minute reichen. Da insbesondere viele tropische Insekten immer noch unbekannt sind, differieren auch die Schätzungen über die Zahl der existierenden Arten erheblich (zwischen 3,6 und 112 Millionen). Wissenschaftlich beschrieben sind bisher etwa zwei Millionen. Aber auch dies ist ein Schätzwert, da es kein zentrales Register gibt. Genaueres weiss man von den grösseren Tieren. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) gibt an, dass 80 Säugetier- und 190 Vogelarten seit dem Jahr 1500 durch den Einfluss des Menschen ausgestorben sind. Die meisten davon im 19. Jahrhundert.

Von der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Verschmutzung von Luft und Gewässern in Europa immer schlimmer. Smog in den Städten kostete Tausende Menschenleben. Die grossen Flüsse waren durch Indus­triechemikalien verseucht. Kein Wunder, dass viele Experten eine düstere Zukunft voraussahen, in der katastrophale Umweltverschmutzung zur Normalität würde. Das Gegenteil trat ein. Umweltschutzgesetze sorgten dafür, dass sich die Situation gegen Ende des 20. Jahrhunderts rapide verbesserte. In der Schweiz ging der Gehalt an problematischen Stoffen wie Feinstaub, Stickstoffoxid und Ozon durch die Luftreinhalteverordnung von 1985 deutlich zurück. Der Eintrag von Schadstoffen in Flüsse und Seen wurde gegenüber den Verhältnissen Mitte des 20. Jahrhunderts drastisch reduziert. Das Baden in Schweizer Gewässern ist heute praktisch überall bedenkenlos möglich. In anderen Staaten Europas und Nordamerikas verlief die Entwicklung ähnlich. Leider nimmt in manchen Entwicklungsländern die Umweltverschmutzung immer noch zu. Doch zeigt sich, dass bei wachsendem Wohlstand auch der Schutz von Umwelt und Natur überall an Bedeutung gewinnt.

Bereits Svante Arrhenius, der Entdecker der klimaerwärmenden Wirkung von Kohlendioxidemissionen der Menschheit, wagte eine Vorhersage. Die kommenden, wärmeren Zeiten betrachtete er als Vorteil. «Wir haben das Recht auf die angenehme Annahme», so Arrhenius, «dass unsere Nachkommen, auch wenn erst in vielen Generationen, unter milderen Himmeln und weniger unwirtlicher Umgebung leben, als wir es heute tun.» Mitte des 20. Jahrhunderts prophezeiten viele Experten dann einen kata­strophalen Klimawandel, damals jedoch in Form globaler Abkühlung. Das wandelte sich in den 1980er Jahren. Seither steht wieder die globale Erwärmung im Fokus der Propheten. Seit etwa einem Jahrzehnt überschatten die Vorhersagen eines Weltuntergangs durch Klimawandel alle anderen apokalyptischen Prognosen.

Bezeichnend auch hier: Stimmen, die zur Mässigung aufrufen, werden weitgehend überhört. So mahnte der deutsche Klimaforscher Hartmut Grassl bereits in den 1990er Jahren: «Wenn wir so weiterreden, werden wir die Leute mit Sensationsmeldungen so müde machen, dass sie überhaupt nichts mehr glauben.» Doch die Untergangspropheten liessen sich nicht beirren und das Publikum ist bis heute nicht ermüdet. Obwohl es mittlerweile seit einem halben Jahrhundert fünf vor zwölf ist. Unentwegt verkünden Medien und Aktivisten Horrorszenarien. Und immer noch wirken sie so gut wie eh und je. Die Bewegung «Fridays for Future» ist der beste Beweis dafür.

«Die grossen Wendepunkte der Geschichte wurden selten richtig vorhergesehen.»

Klima- und andere Katastrophenprognosen sind natürlich nicht die einzigen Felder, in denen Wissenschafter, Politiker und Journalisten hemmungslos orakeln. Auch der technische Fortschritt und die wirtschaftliche Entwicklung lassen Zukunftsfantasien ins Kraut schiessen. Und diese treffen meist genauso wenig ein wie die Weissagungen der Ökoauguren. Einige Irrtümer sind geradezu sprichwörtlich geworden, etwa das berühmte Diktum des deutschen Kaisers Wilhelm II.: «Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.» Oder auch der Satz des amerikanischen Elektronikunternehmers Kenneth Olsen: «Es gibt keinen Grund für eine Einzelperson, einen Computer zu Hause zu haben.» Doch bei Technik- und Wirtschaftsvorhersagen reagieren Medien und Publikum meist wesentlich skeptischer als bei den Umweltprognosen. Die meisten apokalyptischen Zukunftsszenarien wurden und werden bereitwillig geglaubt. Wer zweifelt, gilt als Schönredner oder Naivling mit rosa Brille. Doch auch für grüne Mahnungen gilt der Grundsatz, der – selbst das weiss man nicht genau – entweder von Niels Bohr, Mark Twain oder Karl Valentin stammt: «Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.»

Fundamentale Umbrüche werden selten prognostiziert

Das belegt auch ein Blick auf die Empirie. Die grossen Wendepunkte der Geschichte wurden selten richtig vorhergesehen. Ereignisse, die die Welt erschütterten, kamen so überraschend, dass selbst am Tag davor noch niemand damit gerechnet hatte. Gerhard Schröder, der später deutscher Bundeskanzler wurde, sagte noch im Juni 1989, vier Monate vor dem Fall der Berliner Mauer: «Nach vierzig Jahren Bundesrepublik sollte man eine neue Generation nicht über die Chancen einer Wiedervereinigung belügen. Es gibt sie nicht.» Auch die Terrorattacken vom 11. September 2001 hatte niemand auf dem Zettel, und kaum ein Mensch konnte sich zuvor vorstellen, dass so etwas überhaupt passieren könnte.

Doch nicht nur plötzliche Ereignisse schmissen alle Erwartungen über den Haufen. Auch «langsamere», fundamentale Umbrüche begannen weitgehend unbemerkt. Kein Parteitag hat sie beschlossen, keine Regierung verordnet, kein intellektueller Zirkel dachte sie theoretisch voraus. Und niemand ahnte anfangs, wie grundlegend sie das Leben von Millionen Menschen verändern werden. Ohne die Erfindung des Automobils, der Verhütungspille, des Computers und des Internets würden wir heute völlig anders leben. Sie haben die Welt mindestens so stark verändert wie Politik und Religion. In die Reihe der ganz grossen Umwälzungen gehört auch die «grüne Revolution». So wurde in den frühen 1960er Jahren die Entwicklung neuer ertragreicher Getreidesorten und besserer Agrartechnik genannt. Ohne diesen Fortschritt in der Landwirtschaft, der auf den Pflanzenforscher Norman Borlaug zurückging, wären Millionen Menschen verhungert. Wie stark die Empfängnisverhütung das menschliche Leben verändern würde, erkannte allenfalls Papst Paul VI., der ihren Gebrauch umgehend zur Sünde erklärte. Den Siegeszug des Automobils sahen nicht einmal seine Erfinder voraus. «Es werden höchstens 5000 Fahrzeuge gebaut werden», sprach Gottlieb Daimler, «denn es gibt nicht mehr Chauffeure, um sie zu steuern.»

 

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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