Antirassismus als Schritt zurück

Antirassismus als Schritt zurück

Sabine Beppler-Spahl (Hg.): Schwarzes Leben, weisse Privilegien? Zur Kritik an Black Lives Matter.

 

Ein Jahr nach der Ermordung des Jugendlichen Trayvon Martin (schwarz, unbewaffnet) durch George Zimmerman (Latino, Nachbarschaftswächter) in einer «Gated Community» in Florida tauchte die Devise «Black Lives Matter» 2013 erstmalig als Hashtag auf. Zeitgleich formierte sich unter diesem ­Namen eine in den gesamten Vereinigten Staaten tätige antirassistische Organisation, deren primäres Anliegen das Ende von Polizeigewalt gegen Schwarze ist. Mittlerweile ist sie zu einer globalen Bewegung ­angewachsen.

Die internationale Rezeption von BLM hat diverse Postulate aus der US-amerikanischen Debatte in den deutschsprachigen Kontext überführt. Angesichts der zugehörigen politischen Vorstellungen wirft dies eine Reihe an Fragen auf, die bislang jedoch vom breiten gesellschaftspolitischen Zuspruch in dieser Angelegenheit verdeckt worden sind. Zertrümmerte Strassenzüge in amerikanischen Städten sowie antisemitische Bemerkungen ­diverser BLM-Sprecher(innen) verstärken das Unbehagen am Glauben daran, dass es sich hierbei um einen dringenden Schritt nach vorne handelt. Die Erinnerung an historische Versuche, den Rassismus auf nichtidentitäre Weise zu überwinden – so etwa Martin Luther Kings «I Have a Dream» und das «We Shall Overcome» der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre –, besorgt das übrige.

Das von Sabine Beppler-Spahl edierte Bändchen «Schwarzes ­Leben, weisse Privilegien?» überführt dieses Unbehagen nun in ­Argumente. Die Herausgeberin betont einleitend, dass die Ideologie, die BLM auszeichnet, «nicht dazu taugt, Diskriminierungen aufzuheben». Von dieser Einsicht ausgehend setzt eine Reihe an Essays, Plädoyers und Interviews dazu an, die bewegungspolitischen Grundüberzeugungen zu hinterfragen – den Mythos «White Privilege» etwa oder die Rede von «kultureller Aneignung», das Vergessen von Kings Traum und den Unwillen, sich einzugestehen, dass man unter ausgetauschtem Vorzeichen an einer Wiederbelebung der Rassentrennung arbeitet. Dass die anzufeindenden Ziele der neuen «Kulturkämpfer» auffallend oft «aus vergangenen Jahrhunderten stammen», wie der Soziologe Frank Furedi hervorhebt, bezeugt zudem, dass die aktivistischen Kreise vor allem «ihre moralische Überlegenheit zu demonstrieren» versuchen – und somit unweigerlich ihre poli­tische Vision hintanstellen. Bezeichnenderweise scheinen derweil historische «Troublemaker» wie der antikoloniale Historiker C.L.R. James oder Kings Weg­gefährte John Lewis, aus deren Schriften und Aktivitäten sich weitaus erhellendere Erkenntnisse über Rassismus gewinnen lassen als von so manchem BLM-Kader, nach wie vor unbekannt zu sein.

Dass der Sammelband aufgrund seines Formats – er passt in die Hosentasche – vieles nur anreissen kann, ist der Sache keineswegs abträglich: Es geht hier ausdrücklich darum, in bündiger Form auf ideologische Irrwege, politische Ungereimtheiten und verheerende Postulate einer gänzlich unkritisch rezipierten Bewegung hinzuweisen, um mit den daraus zu ziehenden Schlüssen selbst weiterzuarbeiten. So kann dieses Büchlein vielen, die an entsprechenden Versammlungen teilnehmen und zu wissen meinen, wofür sie ­demonstrieren, guten Gewissens in die Hand gedrückt werden.


Sabine Beppler-Spahl (Hg.): Schwarzes Leben, weisse Privilegien? Zur Kritik an Black Lives Matter. Frankfurt am Main: Novo-Argumente-Verlag, 2020.

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