(2) Anti-Globalisierung und die Logik des Handels

Jeder Handel beruht auf der Erwartung der Beteiligten, sich durch das Tauschgeschäft besserzustellen.
Die Globalisierungsgegner behaupten, im globalen Austausch dominierten negative Nebeneffekte. Ihre Argumente beruhen auf einem fragwürdigen theoretischen Ansatz.

Warum treiben wir Handel? Ökonomen erblicken ihre Daseinsberechtigung massgeblich in der Beantwortung dieser Frage. Leute treiben Handel, weil sie sich dadurch gegenseitig Gewinne verschaffen. Alle Parteien gewinnen, keine verliert. Wie wird dieser grundsätzliche Leitgedanke des Handels in die Gewinner-Verlierer Logik umgewandelt, die der modernen Anti-Globalisierungs-Rhetorik als Grundlage dient? Wie konnte es dazu kommen, dass der wohltätigsten Institution menschlicher Interaktion unheilvolle Auswirkungen unterstellt werden? Könnte es sein, dass sogar den raffiniertesten Globalisierungsgegnern selbst elementarste wirtschaftliche Grundkenntnisse abgehen? Oder fehlen uns einfach Kommunikatoren vom Format eines Frédéric Bastiat, die all die merkantilistischen Absurditäten entlarven könnten?

Keine Partei erleidet beim freiwilligen Tausch einen Wertverlust. Da somit beide beim direkten Austausch gewinnen, werden zwangsläufig eventuelle Verluste von jenen getragen, die ausserhalb des Austauschnetzes bleiben. Diese Verluste müssen folglich Nebenwirkungen sein oder – im Jargon der Ökonomen – externe Effekte. Aber sollte ich – blanken Neid einmal ausgeschlossen – etwas dagegen haben, dass andere Handel treiben und sich gegenseitig Gewinne verschaffen? Ausser vielleicht im Fall, dass andere bei einem Geschäftsabschluss meine Geschäftspartner abspenstig machen, seien es Käufer oder Verkäufer. Die Schäden aus Nebeneffekten könnte man messen an den Netto-Gewinnen oder Überschüssen, die ich erzielt hätte, wenn ich meine Geschäfte mit denjenigen hätte fortführen können, zu denen meine Beziehungen nun abgebrochen sind, weil ich durch andere Handelspartner ersetzt worden bin.

Bei ihrer traditionellen Argumentation zugunsten des Handels haben die Ökonomen diese Schäden aus Nebeneffekten wenig beachtet, da man von der Annahme ausging, einmal ersetzte Akteure würden alternative Käufer oder Verkäufer finden, auf die sich die Geschäfte mit relativ niedrigen Kosten verlagern liessen. Die Annahme, dass neue Kundenbeziehungen sich kostengünstig aufbauen liessen, ist beim Verfechten des freien Handels von entscheidender Bedeutung.

Ich werde zuerst die Grundlagen des Tausches zusammenfassen, wie sie von Adam Smith erklärt werden. Dann werde ich sie mit denjenigen von David Ricardo vergleichen, und schliesslich werde ich die Gegensätze und unterschiedlichen Auswirkungen der beiden Denkansätze ermitteln, die sich für die wirtschaftliche Theorie ihrerseits ergeben. Damit soll gezeigt werden, warum die Opposition gegen eine Ausdehnung des Handels sich tendenziell auf die wirtschaftliche Interaktion zwischen Händlern in verschiedenen Ländern konzentriert, anstatt auf Modelle innerhalb der Grenzen eines einzigen politischen Verwaltungsbereiches. Mit anderen Worten: Warum «Anti-Globalisierung» und nicht «Anti-Nationalisierung»?

Um diese Frage zu beantworten, ist einerseits die politische Struktur und der entsprechende Rahmen zu beachten, innerhalb dessen der Austausch sich abspielt, anderseits aber, ob dieser innerhalb politischer Grenzen oder grenzübergreifend stattfindet. Die moderne Public Choice-Theorie liefert eine relativ einfache Erklärung, warum dem grenzüberschreitenden Handel von der Politik verhältnismässig grosse Hürden in den Weg gelegt werden. Sie ist aber nicht sehr tauglich zur Erklärung, warum die öffentliche Meinung solchen Restriktionen zustimmt.

Adam Smith sah das Verhältnis von Tausch und Spezialisierung wie folgt. Personen treiben Handel, weil sie sich gegenseitig Gewinne verschaffen. Solche Gewinne sind möglich, weil Spezialisierung produktiv ist. Selbst wenn die Personen in ihren Fähigkeiten wie auch in ihren Präferenzen identisch sind, bringt der Handel dennoch gegenseitige Vorteile, da die Spezialisierung der Produktion eine überproportionale Steigerung der Wertschöpfung zur Folge hat. Indem die Zahl der Personen in wirtschaftlichen Vernetzungen – auf «dem Markt» – zunimmt, kommt es zu immer weitergehender Spezialisierung rung. «Die Grenze der Arbeitsteilung ist gegeben durch den Umfang des Marktes» – diese berühmte Aussage steht im Mittelpunkt von Adam Smiths Lehre. Sie unterstellt, dass jede Erweiterung des Wirtschaftsverkehrs allen Teilnehmern Gewinne verspricht. Die Gewinne aus Spezialisierung sind unerschöpflich. Es gibt keine willkürlichen Grenzen, jenseits derer solche Gewinne sich nicht verwirklichen liessen. Und es ist unerheblich, ob der Handel innerhalb desselben politischen Gebildes oder zwischen Mitgliedern unterschiedlicher politischer Systeme stattfindet. Das heisst: Für Smith gibt es keinen Unterschied zwischen nationalem und internationalem Handel.…

(4) Die Ideologie der Altermondialisten

In der Herbstausgabe der Zeitschrift «Commentaire» charakterisiert der Autor den Altermondialismus als eine politische Strömung, die in Frankreich vor allem die Gruppierung Attac und die Anhänger von José Bové bewegt und trägt. Sie hat ihre Wurzeln im Marxismus und in der revolutionären Gewerkschaftsbewegung. Ihre Protagonisten stammen aus den USA.

(5) Mythendämmerung

Die Begriffe «Globalisierung» und «Wissensgesellschaft» sind mehrdeutige Wieselworte. Im Zeichen der post-modernen Beliebigkeit beherrschen sie den wissenschaftlichen und wirtschaftspoliti-schen Diskurs. Durch die Widerlegung von Vorurteilen und Irrtümern will der Autor einen Beitrag zur Begriffsklärung und zur Versachlichung der Debatte leisten.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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