Ans Eingemachte

Russische Schriftsteller wissen, was politische Zensur bedeutet. Das gilt nicht nur für die Klassiker, sondern auch für ihre Nachkommen. Eine neue Generation sagt nun offen: die Erinnerung an die totalitäre Vergangenheit hilft, eine totalitäre Zukunft zu verhindern. Das allein reicht aber nicht.

Ans Eingemachte
Sergej Lebedew, photographiert von James Hill.

Als jemand, der zehn Jahre vor dem Zerfall der UdSSR geboren wurde, erinnere ich mich gut an diese letzte sowjetische Dekade. Freilich sind es Erinnerungen eines Kindes, es ist der «Blick unter der Tischkante hervor», aber das macht sie interessant. Ohne das Verständnis der Mechanismen und vor allem der Stimmungen und Gefühle, die hinter der Perestroika standen, sind die Ereignisse im heutigen Russland nur schwer zu begreifen.

Meine Grossmutter, die als Redakteurin im Verlag für Politische Literatur des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei arbeitete, wo Geschichte retuschiert und Ideologie «fabriziert» wurde, hatte viele Verwandte durch die Verhaftungen der dreissiger Jahre verloren. Sie erklärte mir oft, dass ich im Kindergarten nichts von dem erzählen solle, was ich zu Hause gehört hatte. Sie war die Erste, die mich dieses Doppelleben lehrte, das wahrscheinlich alle Sowjetbürger führten.

Ich erinnere mich, wie es bei Tischrunden mit den Geologenfreunden meiner Eltern immer zu dem Moment kam, in dem wir Kinder in ein weit entferntes Zimmer zum Spielen geschickt wurden. Nicht, weil wir sie gestört hätten: Die Erwachsenen mussten über die Bücher des Samisdat, über die Bücher der Vergangenheit sprechen – viele von ihnen hatten ihr Berufsleben in jener Zeit begonnen, als die Gulags noch aktiv gewesen waren. Ich erinnere mich, wie ich scheinbar zufällig in die Küche oder zur Toilette ging, um wenigstens Fetzen ihres Gesprächs aufzuschnappen.

Und ich erinnere mich, wie sich die Familie 1988 oder 1989 jede Woche um den Tisch versammelte, wenn der Postbote die Zeitschrift «Ogonjok» brachte, die man ironisch als «Sprachrohr der Perestroika» bezeichnete.

Jede Ausgabe schien die Mauern des Schweigens auseinanderzuschieben. Die Artikel überschlugen sich: über die Erschiessungen sowjetischer Heerführer 1937, über die Folgen der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, über die tatsächlichen Verluste unserer Truppen in Afghanistan, über das Leben in der UdSSR selbst – es war ärmlich, schrecklich und nahm allen die Luft.

Die Erwachsenen unterhielten sich wenig über das Gelesene; meist seufzten oder stöhnten sie – und jede neue Ausgabe war für sie wie eine Droge, eine Bestätigung, dass das Schweigen endgültig vorbei ist.

In Vorbereitung auf meinen Roman über die 90er Jahre in Russland und die Rückkehr der Macht des KGB las ich noch einmal die archivierten Zeitungen und Zeitschriften von Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre. Darunter war vor allem jene Zeitschrift «Ogonjok» mit ihrer Millionenauflage, die ich auf der Wachstuchdecke unseres Küchentischs hatte liegen gesehen.

Was erkannte ich durch den retrospektiven Blick?

Einerseits war da die triumphierende, berauschende Freiheit des Wortes. Eine Publikationsschwemme über die geheimgehaltene Vergangenheit der UdSSR. Eine gewaltige Anstrengung, die Erinnerungen zurückzuholen, sich mit den Problemen der Gegenwart auseinanderzusetzen.

Doch andererseits hatte ich das Gefühl, das alles sei fatal naiv und infantil. Die Menschen hatten das erste Mal die Möglichkeit, über die Wahrheit zu schreiben, und sie meinten, die Wahrheit sei die treibende Kraft von Geschichte und Politik, man müsse sie nur aussprechen, und schon würde sie wie im Märchen alles richtigstellen, verändern und für eine bessere Zukunft sorgen.

Journalisten und Publizisten überschlugen sich in ihrer Offenheit, alle versuchten sich hinsichtlich der Vergangenheit als Propheten zu zeigen und mit ihrem «Wort die Menschenherzen zu durchglühen» (Puschkin). Niemand dachte im Taumel dieser Schwülstigkeit über prosaische, gar unappetitliche Dinge nach: dass die Freiheit des Wortes institutionalisiert werden musste. Die Erinnerung an die Vergangenheit darf nicht nur der Wiederherstellung der moralischen Gerechtigkeit, der Rehabilitation unschuldig Verurteilter dienen, sondern muss auch garantieren, dass sich diese Vergangenheit nicht wiederholt und der totalitäre Staat, der die Freiheit des Wortes immer als erste zerstört, sich nicht erneuert.

Damit die Erinnerung an die Vergangenheit das garantieren kann, muss man sie unbedingt institutionalisieren und ihr bestimmte Formen geben: juristische und…