Blattkritik:
Anna Miller über die September-Ausgabe
des «Schweizer Monats»

Die Ausgaben des «Schweizer Monats» werden jeweils von einem eingeladenen Gast beurteilt. Im Sinne der Transparenz veröffentlichen wir die Essenz der Blattkritik online.

Blattkritik: Anna Miller über die September-Ausgabe des «Schweizer Monats»

Zu «Schweizer Monat» Ausgabe 1059, September 2018

Ich bin mit vielen Fragen gekommen.

Mit Fragen, weil ich sie als das geeignetste Mittel dafür ansehe zu verstehen.

Und euch, euer Magazin, verstehe ich nicht.

Ja, auf den ersten Blick ist eine klare Ausrichtung zu erkennen, ihr richtet euch an Intellektuelle, offenbar, an Männer, an Studierte, an Menschen, die gerne fachlich ergründete Autorenbeiträge lesen. An Leute, die sich im Bereich Politik, Wirtschaft, Kultur bewegen.

Aber ist das so? Stimmt meine Einschätzung?

Was wollt eigentlich ihr, als Redaktion?

Wie kommt ihr dazu, dieses Magazin so zu produzieren, wie ihr das tut?

Die Fragen, die ich mir notiert habe, sollen gleichzeitig Ansatzpunkt sein für eine offene Diskussion. Fürs Nachdenken darüber, ob das, was ist, weiterhin so bleiben darf, was man ändern könnte, wie das auf die Marke zurückspielt, auch auf euch als Redaktion.

Warum finden sich so viele Männer auf dem Cover, und nur wenige Frauen?

Warum arbeitet ihr mit statischen Bildern?

Was bedeutet Autorentum bei euch?

Wie wichtig ist ein akademischer Abschluss und eine ranghohe Position, um kluge Ideen zu generieren?

Was unterscheidet einen Autor von einem Redaktor?

Wie viel Inhalt hängt an den einzelnen Köpfen?

Was wäret ihr ohne diese Köpfe?

Welche Rolle gebt ihr euch selbst?

Wie wählt ihr Themen aus?

Wie wählt ihr die Autorenbeiträge aus?

Habt ihr eine klare, unumstössliche politische Ausrichtung? Wenn nicht, woher kommt es, dass es überwiegend so wirkt?

Ist der «Schweizer Monat» ein journalistisches Produkt? Was qualifiziert ihn dazu?

Wie selbstbestimmt seid ihr?

Welche Rolle spielen in eurer Themenfindung Meinung, Analyse, Narration, Format, Diversität, Leben,

Wo bleibt der einfache Mensch? In welcher Form findet er Eingang? In welcher Form findet er Zugang? Wollt ihr das überhaupt? Warum, warum nicht?

Was heisst klug? Und wie sehr ist ein Mensch Kopf, wie sehr ist er Bauch?

Alles, was ihr darüber denkt, ist legitim. Jede Entscheidung, die ihr aktiv, bewusst fällt, in der heutigen Zeit, ist legitim. Steht zu dem, was ihr wollt.

Ihr habt eine klare Erscheinung, eine klare Bildsprache, ihr seid aufgeräumt, unaufgeregt, seriös, ihr seid auch immer wieder nah.

Ich für mich wünsche mir:

Es braucht mehr Frauen.

Näheres Erzählen.

Mehr Bauch.

Weniger Kopf.

Weniger Erklären, weniger Fachsprache, weniger intellektuelles Geschwurble. Klug sein, aber nicht angestrengt verkopft.

Mehr Klarheit, warum welche Themen, Rubriken und Formen gewählt werden.

Mehr Diversifikation innerhalb eines Textes, innerhalb eines Themenkomplexes.

Mehr Durchmischung − unterschiedliche Leute, Schichten, narrative Elemente, Bildsprache, Ansichten, Ansätze.

Versteht mich nicht falsch: Es ist okay und gut, klug zu sein. Haltung zu haben. Menschen zu Wort kommen zu lassen, die über Dinge nachdenken, tiefgründig, die Experten sind in dem, was sie tun. Aber es braucht mehr journalistische Führung. Mehr Diversität der Autoren, in der Sprache, im Aufbau. Ein Thema kann sehr unterschiedlich aufbereitet werden. Unterschiedlich erzählt. Und habt keine Angst vor den Grundthemen, Drama, Liebe, Tod, Leben, Gemeinschaft, Macht, Geld, Gier.

Jede Emotion wird sich im Themenkomplex Politik, Wirtschaft, Kultur wiederfinden. Gefühle sind nichts für Idioten, they make the world go round. Emotionen sind die grossen Treiber, an der Börse, im Bett, in der Wandelhalle. Gut, seid ihr da, um den Kopf zu liefern. Aber vergesst dabei den Körper nicht, der den Kopf trägt.

Ihr habt mich nicht überrascht, das ist es am Ende. Ihr bleibt sehr, sehr eng verbunden mit den angestammten Bereichen. Ihr interviewt Wirtschaftspersönlichkeiten im Bereich Wirtschaft. Die Klassiker. Die Elite. Die Alten. Die Gelehrten.

Warum tut ihr das?

Warum bricht ihr nicht mit den Erwartungen?

Warum lässt ihr nicht Rachel Botsman über Vertrauen im digitalen Zeitalter sprechen?

Warum macht ihr keine Wirtschaftsgeschichte darüber, wer mit Katzen-GIFs eigentlich Geld verdient?

Hauptsache, klug.