Anna Hotz, Geschäftsführerin Hotz&Hotz Architekten, illustriert von Matthias Wyler (Studio Sirup).

Ein Glas Wein mit Anna Hotz

Geht man ganz durch das weithin bekannte Zürcher Niederdorf, an den japanischen, chinesischen und indischen Touristen vorbei, wird es zum weniger bekannten, aber genauso ansehnlichen Oberdorf. Hier, in einem 
bescheidenen Hinterhaus, liegt das Büro von HOTZ & HOTZ Architekten. Das Wort «bescheiden» wird an diesem Abend noch öfter fallen.

Anna zeigt mir Modelle aktueller Projekte: die Renovation eines denkmalgeschützten Bauernhauses aus dem 16. Jahrhundert, zwei Wohnhäuser, bei denen man Spuren des Studiums an der Accademia di architettura in Mendrisio – 
Zumthor, Caruso St. John, Galfetti – zu erkennen meint. «Kann schon sein», sagt die Architektin lächelnd. «Und vor allem: die Betonung der sozialen und kulturellen Aspekte der Architektur im Rahmen einer breiten humanistischen Bildung.»

Hotz machte sich früh, mit 25 Jahren, selbständig. Den Unternehmergeist habe sie von der Mutter, die eine Elektroin­stallationsfirma führe, «Geschäftsfrau» sei schon als Kind ihr Berufswunsch gewesen. Als die Eltern den Dachstock ­ihrer Liegenschaft ausbauen wollten, habe sie einfach losgelegt. Was ihr an Wissen gefehlt habe, hätten ihr die Praxis und eine ältere Kollegin beigebracht. Es funktionierte, weitere Aufträge folgten. Drei Jahre später tat sich Hotz mit ihrer Schwester Christine und einem Studienfreund zusammen, seit 2014 führen die Schwestern Hotz das Büro mit fünf Mitarbeitern alleine.

Was im Projektkatalog ihrer Firma schnell auffällt: die Liste der Renovationen, Um- und Ausbauten ist länger als die der Neubauten «auf der grünen Wiese». Eine bewusste Entscheidung, das Land nicht weiter zu verbauen? – Durchaus, meint Anna Hotz, vor allem aber könne man von historischen Gebäuden viel über gutes Handwerk lernen. Von der Grösse und Platzierung der Fenster bis zur Gestaltung des Fenstersimses: da stimme einfach sehr oft sehr viel.

Keine Lust, auch mal etwas Spektakuläres zu verwirklichen? – «Klar, bewundere ich einen Peter Zumthor, der seine Ent­würfe kompromisslos umsetzen kann.» Aber wer «Wow-Architektur» machen wolle, müsse bereit sein, ohne festen Auftrag Entwurf um Entwurf bei Wettbewerb um Wettbewerb einzureichen, bis einer durchkommt. «Ich wollte das nicht. Ich habe vier Kinder, einen Mann, treibe Sport. Und ich fühle mich mit einer bescheidenen Architektur wohl.»

Eine klare Konzeption ist auch bei der Integration zeitgenös­sischer Elemente in historische Gebäude das A und O: «Die 
Agglomeration ist auch deshalb so trist, weil der Raum nur durch Strassen definiert wird.» Und, frage ich nach, weil die 
Architektur vor allem maximale Nutzfläche aus den Vor­gaben der Baugesetzgebung pressen soll? – «Das ist keine Architektur», entgegnet Hotz vehement. Mehr als ein markiger Spruch: Architektin ist – wie Journalist – keine geschützte Berufsbezeichnung, und viele Bauten werden heute durch Generalunternehmer geplant, bei denen Gewinnmaximierung meist vor Gestaltung kommt.

Wir stossen an, ich habe einen regionalen, ja fast lokalen Roten mitgebracht. Er schmeckt beerig, der Körper ist weich und nicht zu schwer. Auch HOTZ&HOTZ arbeiten betont regional, Anna hebt besonders die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege hervor. Wirklich vorbildlich in Sachen Architekturkultur sei aber eine andere Schweizer Stadt: Basel. «Man sieht den Stellenwert von Kultur ja schon an der Zahl der Museen – aber eben auch an den öffentlichen Gebäuden.» Zürich habe als klare Wirtschaftshauptstadt vielleicht den Eindruck, so etwas sei verzichtbar.

Das globale Element in Anna Hotz’ Schaffen tritt digital zutage: 2014 gründete sie mit akademischen Wegbegleitern Transfer, eine Webplattform, die zeitgenössische Ideen und Praktiken der Architektur vermitteln, ein «Fenster zur Analyse der Welt» öffnen will. Landschaftsarchitektur in Tibet, das Bagno Pubblico von Bellinzona, aber auch Beispiele gescheiterten Bauens wie die verwaisten Expo-Pavillons von Mailand 2017 kann man hier opulent fotografiert begutachten, Essays erörtern die sozialen und kulturellen ­Fragen dahinter. Soll das Netzwerk einst dazu genutzt werden, doch noch an ein «Wow-Projekt» heranzukommen? «Nein», sagt Anna. «Ich möchte Dinge wissen und dieses Wissen weiter­geben. Das genügt mir.» Bescheiden, diese Frau Hotz.

Wein: Lüthi Weinbau, «Pinot noir élevé en fûts de chêne», 
Männedorf, Zürichsee AOC, 2015