Angst vor dem Schnee im Kopf?

Das Altern in der Literatur dieses Herbstes

Auffallend viele literarische Neuerscheinungen dieses Herbstes beschäftigen sich mit dem Altern. «Vorherrschend» sei dieses Thema sogar, meint Volker Hage, der das Phänomen in einem «Spiegel»-Artikel mit der Überschrift «Club Methusalem» aufgreift. Mit Recht lobt er Silvia Bovenschens über manches Alterszipperlein angenehm hinwegtröstendes Buch «Älter werden», ein schönes «Erzählmosaik aus kleinen Erinnerungen, Beobachtungen und Geschichten», das nichts beweisen will und eben deswegen überzeugt. Nicht nur ästhetisch, sondern auch wegen seiner Ehrlichkeit gegenüber dem Prozess des Alterns, genauer: wegen seiner genauester Beobachtung und Empfindung entsprungenen, immer klug und angemessen formulierten, bisweilen auch ins Selbstironische spielenden Lakonie.

Weitgehend überzeugend ist auch der neue Roman von Martin Walser, einer seiner besseren aus den letzten zwanzig Jahren: «Angstblüte» – was die letzte sich aufbäumende Blüte einer Pflanze meint, bevor sie endgültig zugrunde geht. Der bald 80jährige vitale Veteran vom Bodensee erfindet, sprachlich brillant wie meistens, einen einprägsamen Romanhelden, den 71jährigen Anlageberater Karl von Kahn, der auch im Alter seinem Wahlspruch «Bergauf beschleunigen!» treu bleiben will. Walser erzählt, reif und kunstvoll und süffig und gelegentlich auch etwas umständlich, von Kahns eifrig-verzweifelten und naturgemäss vergeblichen Bemühungen, das Altern aufzuhalten. In erster Linie geht es dabei um eine recht gnadenlose Abrechnung mit den Torheiten der Liebe, auch und gerade der körperlichen. Joni Jetter ist nicht einmal halb so alt wie Kahn, der dieser «Traumfrucht» wegen zu jedem Ehebruch bereit ist. Joni bringt den hoffnungslos Verliebten zur Raserei, einer komischen und peinlichen Altersraserei natürlich – und will doch nur sein Geld. Am Ende ist der arme Kahn sogar seine fürsorglich-treue Ehefrau los, die witzigerweise (oder auch nicht) als Paartherapeutin tätig ist. Eine geradezu klassische Walser-Geschichte, nur dass eben in diesem achtzehnten Roman des Schriftstellers das Alter und seine Lächerlichkeit eindeutig die Hauptrolle spielen.

Nichts gegen Bovenschen oder Walser – beide Bücher sind oder waren zu Recht in den deutschen Bestseller-Listen. Doch ein ebensogutes literarische Herbstbuch über das Altern, das bisher noch nicht allzu vielen Kritikern aufgefallen ist, stammt von Hermann Kinder. Der 1944 geborene Kon-stanzer Germanist, als sprachgewaltiger und keineswegs nur humoristischer Schriftsteller seit je unterschätzt, erzählt in den sieben Kapiteln seines im «Jahrhundertsommer» 2003 spielenden «Methusalem-Romans» mit dem etwas merkwürdigen Titel «Mein Melaten» von einem am Bodensee vor sich hinalternden Herrn. Von einem wohl immer schon durch «Lebensunzuversicht» geprägten, im nicht einmal sehr hohen Alter zusätzlich mit zahlreichen echten oder auch nur eingebildeten Kränklichkeiten geplagten «Miesepeter» – wie ihn seine Tochter Juliane einmal nannte, als sie noch mit ihm redete. Wo der Ich-Erzähler auch hinsieht – es geht «bergab». Bei den Nachbarn fängt es an: «Vater Forell behauptete, was nicht stimmte, suchte Läden, die es seit dem Krieg nicht mehr gab, verwechselte den Arzt mit dem Postamt … Nicht ihn, sondern Frau Forell liess ein Schlaganfall unter den Frühstückstisch rutschen.» Und Herr Forell verdämmert auch, fröhlich zumeist und zunehmend altersabwesend. Der zu Beginn des Romangeschehens noch auf einem «Amt» arbeitende, dort jedoch immer mehr Demütigungen ausgesetzte und von manchen bereits als «Kadaver» betrachtete Ich-Erzähler verfällt allmählich der «Forellschen Krankheit». Seine geliebte Frau hat eine «Lebensstelle» in Köln gefunden, an sie klammert er sich, und so kommt es zu vielen höchst amüsant beschriebenen Reisen mit der unsäglichen, ihre lieben Kunden in immer neuen Variationen bis aufs Blut quälenden «Deutschen Bahn AG».

Man möchte ständig zitieren, so verschmitzt und hintergründig kommt Kinders beissende Kulturkritik daher. Zum Beispiel: sein zunehmend «polymoribunder» Protagonist steigt in die Kölner Strassenbahn, vielleicht auf dem Weg nach dem früheren Leprosengelände Melaten, auf dem der imposante, grosse Friedhof liegt, der im Laufe des Geschehens eine immer wichtigere Rolle spielen wird. Und berichtet: «Mich bedrohte niemand, und die Zeiten waren vorbei, in denen Grauköpfe,…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»