Angst vor dem Absturz

Scheitern ist verpönt – politisch wie pädagogisch. Dabei sind es Misserfolge, die Wachstum erst ermöglichen.

Angst vor dem Absturz
Scheitern hat heutzutage keinen guten Ruf. In der Welt des 21. Jahrhunderts breitet sich zunehmend die Überzeugung aus, Misserfolge müssten um jeden Preis vermieden werden. Das lässt sich auf verschiedenen Ebenen beobachten, im Öffentlichen wie im Privaten. Im privaten Bereich gibt es heute immer mehr Eltern, die ihre Kinder möglichst von jedem Risiko fernhalten und die sie aus schwierigen Situationen gleich herausreden, sollten sie mal scheitern. Genau diese Rolle wird im Westen auf der politischen Ebene auch vom Staat erwartet: Er lässt wirtschaftliches Scheitern nicht mehr zu.

Es ist kein Zufall, dass «Too Big to Fail» zum Schlagwort der Finanzkrise wurde. Doch Bail-outs und Subventionen gewährt der Staat nicht nur Banken, sondern auch Bürgern und Familien. Egal, ob es um zusätzliches Arbeitslosengeld, Zückerchen für die Landwirtschaft oder Rettungsgelder für taumelnde Unternehmen geht: die vorherrschende politische Meinung scheint heute zu sein, dass Scheitern ein ganz grosses Übel sei. Erfolg ist nur gut, Scheitern ist nur schlecht – folgerichtig sollte die Gesellschaft alles tun, um letzteres zu verhindern oder jegliche Folgen davon sofort aufzufangen. Doch stimmt das: hat Scheitern wirklich keinerlei Wert? Gibt es nichts Gutes darüber zu sagen? Gutes, das legitimieren würde, es vielleicht wieder öfter zuzulassen?

Nun, ich bin überzeugt davon, dass das Scheitern für Menschen essenziell ist. Wir brauchen es, um zu lernen und uns zu entwickeln. Das ist im Persönlichen für jeden offensichtlich, oder sollte es zumindest sein. Misserfolge zeigen uns immer wieder Grenzen auf und lassen uns nachdenken über das, was wir tun. Genauso gilt das aber auch für die ökonomische Welt. Menschen und Organisationen lernen durch Fehlversuche, was im Markt funktioniert und was nicht. Mit anderen Worten: Scheitern hat sehr wohl einen Sinn. Es hat einen sozialen und ökonomischen Wert, und wenn wir es ständig abblocken, schaden wir auf lange Frist nicht nur den betreffenden Akteuren, sondern der Gesellschaft als Ganzes. Ohne Scheitern, so meine These, kann es weder menschliches noch wirtschaftliches Wachstum geben.

Dabei lässt sich das Private nicht vom Politischen trennen. Der Grund dafür ist, dass die Überzeugung, dass Scheitern dazugehört, in einer bestimmten Werthaltung wurzelt. Solche Werthaltungen werden von Generation zu Generation weitergegeben – zuallererst in der Familie, aber auch in Schulen und religiösen Institutionen. Beginnt man an diesen Orten eine Kultur zu pflegen, die Scheitern um jeden Preis vermeiden will, untergräbt man damit Werte, die für eine freie, fortschrittliche Gesellschaft unerlässlich sind. Darum müssen wir auch darüber sprechen: Das Private ist hier tatsächlich politisch.

Von der Ökonomie und Politik des Scheiterns

Wenden wir uns erst etwas vertiefter der Ökonomie zu. Warum ist hier das Scheitern so wichtig? Ökonomen, insbesondere jene der Österreichischen Schule, lehren uns, dass Unternehmer Erkenntnisgewinne vorantreiben und effizientere Produktionsarten ertüfteln. Sie sorgen für Fortschritt und letztlich auch für Wohlstand. Doch auf dem Weg dorthin scheitern unternehmerische Unterfangen mindestens so oft, wie sie Erfolg haben. In den USA geht jedes zweite Unternehmen innerhalb der ersten fünf Jahre wieder vom Markt, in der Schweiz genauso. Der wichtige Punkt ist nun aber: diese missglückten Aktivitäten sind ebenso bedeutend wie jene, die reüssieren. Ökonomen finden Marktwirtschaft nicht deshalb sinnvoll, weil sie etwa besonders schnell und geradlinig zu neuem Wissen und besserer Zusammenarbeit führen würde – das tut sie nicht. Sie bietet vielmehr einen Prozess, der es Menschen ermöglicht, aus Fehlern zu lernen, und der Anreize schafft, diese zu korrigieren. Unternehmer haben keinesfalls immer recht. Aber in einer gut funktionierenden Marktwirtschaft bekommen sie zu spüren, wenn sie falsch liegen, und sie erhalten Informationen, wie sie es das nächste Mal besser machen könnten.

So gründete etwa der junge Walt Disney, dies nur ein Beispiel von vielen, 1921 ein Unternehmen mit dem Namen Laugh-O-Gram. Innerhalb…