Andrea ist schon angekommen

Während das Leben meiner Freundin Andrea wie am Schnürchen läuft, strample ich mich Anfang dreissig noch im Leerlauf ab. Ein kurzer Wutausbruch.

Zugegeben: Auf den ersten Blick wirkt meine Biographie wenig geradlinig. Nach Abitur und Zivildienst wollte ich Filme machen, Regie studieren. Daher reihte ich zunächst zweieinhalb Jahre Praktikum an Praktikum, um genügend Praxiserfahrung vorweisen zu können. Nachdem meine Bewerbungen an den Filmhochschulen zum wiederholten Male abgelehnt worden waren, folgte der Bruch und damit Plan B: Ein Magisterstudium der Kommunikationswissenschaft, in Regelstudienzeit und mit Bestnoten absolviert. Und das, obwohl ich im Nebenfach Betriebswirtschaftslehre gewählt hatte. Dort quetscht man sich mit all den anderen Wirtschaftswissenschaftern ins Audimax und muss stets zum Semesterende die «Siebeklausuren» überstehen. Kommilitonen mit einer rein geisteswissenschaftlichen Fächerkombination hatten es da wesentlich einfacher. Doch ich habe mich durchgebissen, gegen Ende des Studiums sogar noch ein Auslandsemester an der UC Berkeley, quasi als Sahnehäubchen, draufgesetzt. Als sich dann auch noch die Möglichkeit auftat, eine Promotion zu machen, nahm ich die Herausforderung an. Und sah darin die rote Kirsche auf der Sahnehaube meiner Berufsausbildung.

Die Dissertation nahezu abgeschlossen, stehe ich jetzt mit Anfang dreissig da und schreibe seit mehreren Monaten Bewerbungen. Die Ordnerstruktur auf meinem Desktop zeigt mir an, dass ich inzwischen über achtzig Stück versandt habe, Tendenz steigend. Kommilitonen, die schon früher in die Berufswelt eingestiegen waren, hatten mich vor diesem trostlosen Szenario bereits gewarnt. Zum Beispiel Marcus: Er hatte sich damals – das will ich fairerweise erwähnen – für eine rein geisteswissenschaftliche Fächerkombination entschieden: Kommunikationswissenschaft und Anglistik. «Hier bin ich, wer zahlt mehr?», war seine Vorstellung, als er den Abschluss in der Tasche hatte. Als ich ihn einige Monate später anrief, war sein Selbstbewusstsein implodiert. Er reihte inzwischen Praktikum an Praktikum, lebte von ein paar hundert Euro im Monat. Es dauerte fast zwei Jahre, bis er einen «richtigen» Job fand, wenn auch abseits seines eigentlichen Talents: ein zweijähriges Volontariat bei der Regionalzeitung. Gehalt: 1200 Euro brutto. Noch ein Beispiel: Susanne. Die studierte zunächst ziellos, entdeckte jedoch zum Ende ihres Studiums der Komparatistik, dass sie Lektorin werden wollte. Sie fand nach langer Suche eine Volontärsstelle in einem grossen Verlagshaus. Für 1000 Euro brutto, befristet. Wie es danach mit den beiden weitergeht, ist ungewiss.

Der Weg in die Berufswelt ist für meine Generation mit dem vorangestellten Y leider nicht mit Sahnehäubchen und Kirschen garniert. «Macht Abitur und studiert, was ihr könnt und euch Freude macht, dann wird sich schon alles fügen» – die Generation unserer Eltern hat uns einen Bären aufgebunden. Natürlich waren wir nicht naiv. Wir wussten, dass der Berufseinstieg unter Umständen schwierig werden könnte. Doch dass er so verdammt hart werden und unter so prekären Umständen stattfinden würde, das hätten wir nicht für möglich gehalten. Den Lebensstandard unserer Kinderstube werden wir nicht halten können, es ist illusorisch. Dieser Trend lässt sich inzwischen auch mit entsprechenden Zahlen untermauern: Laut einer Erhebung des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen arbeiten inzwischen 688 000 Akademiker in Deutschland zu Niedriglöhnen (unter 9,30 Euro pro Stunde). Und diese Akademiker sind beileibe nicht nur sogenannte «Geisteswissenschafter». Wozu also noch studieren, wenn mit dem geistigen Kapital nicht mehr das Zukunftskapital steigt? Rein finanziell betrachtet wären meine Kommilitonen und ich mit einer Berufsausbildung wohl besser gefahren. Bei den zahllosen Praktika, Projekten, befristeten Beschäftigungen hörte ich immer wieder: «Du machst das, um Erfahrungen zu sammeln. Später wird dann richtig Geld verdient» – spätestens mit dreissig kann man diesen Spruch nicht mehr hören.

Konsterniert blicke ich da auf meine Freundin Andrea. Für sie war das Leben immer irgendwie «klar», die hier geschilderten Probleme kennt sie nicht, obwohl auch sie unserer Generation angehört. Nach dem Abitur studiert sie auf Lehramt, anschliessend wird sie Grundschullehrerin, heiratet, bekommt ein Haus, baut sich einen Kombi und kauft sich ein Kind – oder andersherum. Jedenfalls das volle Programm, das vielen 30jährigen Mittelschichtsadoleszenten so vorschwebt. Auch wenn Andrea diesen Lebensplan nie explizit verkündet hat, spürte man deutlich, dass sie ihn konsequent verfolgt. Rückblickend scheint es auf diesem Weg auch nicht das geringste Hindernis gegeben zu haben: Das Abitur, das anschliessende Studium mit erstem und zweitem Staatsexamen, das Referendariat, die ersten Jahre als Lehrerin, die Hochzeit mit ihrem Freund, mit dem sie seit ihrem 16. Lebensjahr zusammen ist – alles folgte Schlag auf Schlag, in Rekordzeit, ohne Hürden, Rücksetzer oder Sinnkrise. Und damit nicht genug: Punktgenau, nachdem sie ihren ersten Klassenverband durch die vierjährige Grundschulphase gebracht hatte, wird sie schwanger. Eine Bilderbuchschwangerschaft ohne grosse Nebenwirkungen, das Kind kommt gesund zur Welt. Nach der verlängerten Elternzeit ist die Rückkehr in den Job garantiert – und kann ganz nach Belieben dosiert werden. Dass sich die Renovierung des kürzlich geerbten Einfamilienhauses mit Garten unerhörterweise etwas verzögert hat, so dass der Nachwuchs noch zwei Wochen auf den Bezug seines neuen Kinderzimmers warten musste, kommt da fast einem Skandal gleich. Doch wie ich es drehe und wende: Andrea ist bestens organisiert, alles in zuckersüsser Sahne in ihrem Leben, keine Zweifel, keine Zukunftsängste, kein Gestrampel – entspannte Sicherheit mit Kirschbaum und Sandkasten im Garten.

Ist denn dieses vermeintlich spiessig-repetitive Beamtenleben wirklich die einzige Möglichkeit, mit einem Studium der Geisteswissenschaften Zukunftsperspektiven zu haben?

Bleibt uns Nichtlehrern und Nichtbeamten nur das Sprichwort mit dem Frosch? Einfach lang genug strampeln, damit die Sahne, in der wir schwimmen, steif wird und wir den Rand unseres Glases erreichen? Eins ist klar: Wenn wir nicht strampeln, ertrinken wir in unseren Selbstverwirklichungsträumen. Die selbst gesetzten Meilensteine sind unerreicht und scheinen in immer weitere Ferne zu rücken. Beispiel Familienplanung: Was Andrea so ohne mit der Wimper zu zucken gelingt, bereitet mir Bauchschmerzen. Wie kann ich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte ein Kind in diese meine Welt setzen? Es soll doch nicht in einer Einzimmerwohnung im Sozialbau aufwachsen.

Jedes Mal, wenn ich meine Eltern besuche, stehe ich vor
diesem unserem Einfamilienhaus und frage mich, wie ich mir so etwas jemals aus eigener Kraft erarbeiten will. Der Zug scheint abgefahren, spätestens seit die Preise vor ein paar Jahren davongaloppiert sind. «Wir werden ihre Häuser erben, aber keine eigenen bauen» – die Prophezeiung des Kabarettisten Thomas Lienenlüke für die Generation Y bringt es auf den Punkt, denn ausser zu erben bleibt uns nicht viel. Wir wollen aber nicht mehr immer
alles geschenkt bekommen. Wir wollen es selbst schaffen.

Anfang dreissig zu sein bedeutet für meine Kommilitonen und mich, uns von einer Menge Lebensträume zu verabschieden. Oder wie es Tomasz Kurianowicz in der NZZ so treffend beschrieb: «Es fühlt sich an wie ein Sonntagmorgen nach einer durchfeierten Samstagnacht.» Man wacht verkatert aus seinen Träumen auf und erkennt, dass diese genau das bleiben werden, was sie immer waren – Träume.

Während Marcus, Susanne und mir die Perspektive fehlt, geniesst Andrea den Blick aus ihrem renovierten EFH. Uns fällt es zunehmend schwerer, den Mut aufrechtzuerhalten und nicht dem Zynismus anheimzufallen. Ist diese Larmoyanz übertrieben? Wenn ich gelegentlich den Schulterblick auf Andreas Leben riskiere, wundere ich mich immer, wie unbekümmert sie durch die Welt läuft. Sie hat einen krisensicheren Job ergriffen, sich gekonnt an den Staatstropf gehängt, muss keine Lohnnebenkosten zahlen und bezieht dementsprechend ein – für meine Verhältnisse – unglaubliches Nettoeinkommen. Hinzu kommen die Vorzüge einer privaten Krankenversicherung und Sondertarife bei KFZ-Versicherung, Bankkrediten etc.

Diese materiellen Aspekte scheinen für Andreas Unbekümmertheit zu allem Überfluss nur eine kleine Rolle zu spielen, denn unbekümmert war sie irgendwie schon immer. Viel wichtiger scheint mir der Umstand, dass sie sich all den existentialistischen Fragen und Dilemmata niemals stellen musste, die uns (oder zumindest mir) in der durchindividualisierten, dabei fehlgeplanten Postmoderne nahezu täglich entgegenschlagen.

Was für ein Leben will ich führen? Möchte ich eine Familie? Was ist das, Karriere? Geht auch beides? Was macht mich überhaupt glücklich?

Andrea hatte auf diese Fragen schon immer die passenden Antworten parat. Das Leben ist einfach, warum sich also unnötig Gedanken machen? Irgendwas, so dämmert mir, habe ich falsch gemacht. Soll ich nach der Promotion noch ein didaktisches Jahr dranhängen, um an die lebenslange Staatsknete zu kommen? Soll ich mir eine hübsche Lehrerin anlachen, die das für mich erledigt hat? Und soll ich diese beiden E-Mails öffnen, die soeben eingegangen sind, obwohl ich schon weiss, dass beide mit demselben Satz schliessen werden? «Leider können wir Ihre Bewerbung nicht weiter berücksichtigen. Wir wünschen Ihnen auf Ihrem weiteren Lebensweg alles Gute.»

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