Andere Länder, andere Sitten

In den meisten entwickelten Staaten stellt die Demografie eine wachsende Herausforderung für die Altersvorsorge dar. Wie gehen sie damit um? Ein Zwischenbericht.

 

Der Schweiz stehen in den nächsten zwei Jahrzehnten erhebliche demografische Veränderungen bevor. Mit den bald in Rente gehenden Babyboomern steigt der Altersquotient, der dem Verhältnis der über 65-Jährigen zu den 20- bis 64-Jährigen entspricht, von heute 30 auf 46%. Stellt man die über 65-Jährigen nicht allen 20- bis 64-Jährigen, sondern bloss den erwerbstätigen 20- bis 64-Jährigen gegenüber, so sind die Aussichten noch düsterer: Der Anteil der Altersrentner wird von heute 35% auf über 53% ansteigen.1 Bald werden nur noch knapp zwei Erwerbstätige für einen Rentner aufkommen müssen.

Hinzu kommt eine weitere grosse Herausforderung: Die Rentenbezugsdauer hat sich massiv erhöht. Betrug 1990 die Lebenserwartung für einen 65jährigen Mann noch gut 15 Jahre, so kann ein heutiger Neurentner mit 20 Jahren rechnen. Ebenso bei den Frauen: Die Lebenserwartung einer 65-Jährigen ist seit 1990 von knapp 20 auf knapp 23 Jahre gestiegen. Und diese Entwicklung setzt sich bei beiden Geschlechtern ungebrochen fort. Es ist also höchste Zeit, sich mit den demografischen Problemen auseinanderzusetzen, um nach umsetzbaren Lösungswegen zu suchen. Seit mehr als 20 Jahren tun sich die Schweizer schwer, Reformen im Bereich der Altersvorsorge einzuleiten und umzusetzen.

Die Schweiz kann auch Lehren ziehen aus Reformen, die andere Länder in jüngster Zeit im Sozialversicherungsbereich vollzogen haben.2 Ziel muss sein, eine nachhaltige und solide Sozialversicherung zu schaffen, um den Verfassungsauftrag, eine ausreichende Altersvorsorge3 vorzusehen und die Fortsetzung der gewohnten Lebenshaltung in angemessener Weise4 zu ermöglichen, erfüllen zu können.

Demografische Umwälzungen

In den nächsten 15 Jahren wird es vor allem in den Industrieländern zu gewaltigen Verschiebungen in der Bevölkerungsstruktur kommen. Dies verdeutlicht Abbildung 1, die den heutigen Anteil der 50- bis 65-Jährigen im Verhältnis zur erwerbstätigen Bevölkerung zwischen 20 und 64 Jahren wiedergibt. «Spitzenreiter» der untersuchten Länder ist mit grossem Abstand Italien. Dort werden in den kommenden Jahren so viele Personen das Rentenalter erreichen wie nie zuvor. Die Bevölkerungspyramide geht aus einer Urnenform – von «Pyramide» müssen wir ohnehin längst nicht mehr sprechen – allmählich in eine Pilzform über.

Die Lebenserwartung steigt weiterhin

Manche mögen sich noch an den Hit «Forever Young» der deutschen Popband Alphaville aus den 80er Jahren erinnern, in dem der Traum von der ewigen Jugend besungen wird. Damals waren es nur ganz wenige Exoten, die an die technische Machbarkeit einer künstlich erzeugten Lebensverlängerung beziehungsweise an das Aufhalten der Alterung oder gar Verjüngen von Zellen glaubten. Heutzutage sind auf der ganzen Welt Forscherteams im Einsatz, die den Jungbrunnen zu erforschen suchen. Bis die bisher an Mäusen erfolgreichen genetischen Therapien auch auf den Menschen anwendbar sind, werden wohl keine 30 Jahre mehr vergehen, und der Traum von 200 Jahre Lebenszeit könnte bald Realität werden. Die Auswirkungen auf die Demografie und auf die Sozialversicherungssysteme werden enorm sein. Abbildung 2 zeigt die Entwicklung der Lebenserwartung von 65-Jährigen seit 1990.

In den betrachteten Ländern ist die Lebenserwartung von 65jährigen Männern binnen 27 Jahren durchschnittlich um 28%, von 65jährigen Frauen um 18% gestiegen. Der medizinische Fortschritt hält ungebrochen an und es ist damit zu rechnen, dass die Lebenserwartung in den kommenden Jahrzehnten weiter ungebrochen – wenn nicht sogar sprunghaft – ansteigt. Die Finanzierung der immer grösser werdenden Rentnerpopulation durch die schrumpfende Erwerbsbevölkerung wird eine der grössten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werden. Und auch auf Fragen wie die von Alphaville in ihrem Lied besungenen «Do you really want to live forever? Forever, and ever?» werden wir wohl bald Antworten liefern müssen.

Australien

«Die Zeitschrift für unabhängige
und selbstverantwortliche Individuen!»
Werner Kieser, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»