Anarcho-Winzer

Eine Begegnung der dritten Art – ein bekennender Weinliebhaber auf den Spuren von Georgiens wohl grösstem Kulturerbe: der traditionellen Weinproduktion in Amphoren.

Georgier pflegen zu sagen, Georgien sei die Wiege des Weins. Es scheint ganz so, als hätten sie recht. In Marneuli, südlich von Tbilisi, haben die Forscher unlängst 6000 Jahre alte Kerne von vitis vinifera sativa gefunden – der Weintraube. Zuerst wurden die Reben so gepflegt, dass sie sich um Bäume rankten (Name des Kultivationsstils auf Georgisch: maghlari), später um Büsche (olikhnari), seit rund 3000 Jahren werden sie als eigene Pflanzen gehegt (dablari). Das Typische an der georgischen Kelterung besteht seit alters her darin, dass der Traubensaft in Amphoren (quevri) vergärt, die in die Erde oder in den Boden eines Kellers eingelassen sind. Es findet trotz Deckel ein leichter Sauerstoffaustausch statt – georgische Weine haben oftmals eine oxidative Note, die mir persönlich sehr behagt und an Weine aus dem französischen Jura erinnert (in Extremform: Vin Jaune aus der Traube Savagnin).

Ich habe mich mit zwei georgischen Freunden, Guram und Sandro, auf Weintour nach Kachetien aufgemacht, der wichtigsten Weinbauregion Georgiens, ganz im Osten gelegen. Zuerst treffen wir David Meisuradze, bekannter Winzer im Dienste des eigenen Familienunternehmens (Meisuradze Vines) und freier Weinconsultant für das neue Weingut Tsinandali Vineyards. Wir durchqueren das Quartier Tsinandali der Stadt Telavi (20 000 Einwohner), es holpert, ältere, zumeist zahnlose Frauen sitzen auf Steinbänken, Mädchen und Jungen spielen in den Vorhöfen kleiner Steinhäuser an ihren Handys herum. Wir glauben, uns verfahren zu haben, niemand will hier etwas von einem Rebberg wissen. Doch lassen wir uns nicht beirren, erklimmen einen Hang – und stehen plötzlich vor einer hochmodern ausgerüsteten Kellerei, die Stahltanks stammen aus Italien. Meisuradze zapft den jungen 2013er Saperavi direkt aus dem Tank an – eine Fruchtbombe, zugleich komplex, tief, ehrgeizig. Ein Investor hat hier vor ein paar Jahren 35 Hektaren Land gekauft, Meisuradze hilft ihm nun, daraus Premiumsäfte zu keltern. Angepeilte Jahresproduktion: 100 000 Flaschen aus handverlesenen Trauben, 10 verschiedene Sorten, höchste Qualität, Reifung in den typischen Amphoren. So weit, so (halbwegs) vorhersehbar.

Wir fahren weiter gen Artana, ein Kaff in Kachetien. Sandro hat unlängst jemanden kennengelernt, der einen Wein produziert, wie er, Sandro, ihn noch nie getrunken habe. Das Dorf liegt bereits hinter uns, wir halten unvermittelt am Wegrand an. Rechts eine Mauer, von Reben überwachsen, das alte Eisentor nur angelehnt. Wir treten ein, und es ist, als wären wir in einer Kommune gelandet. Links eine Baracke, auf der improvisierten Veranda stehen alte Weinflaschen und schmutzige Gläser herum, an der Holzfront hängen Messer und allerlei Krimskrams.

Ruhigen Schrittes kommt Kakha Berishvili auf uns zu, schüttelt die Hand, sagt ein paar Worte auf Georgisch. Er bittet uns in den Schuppen, sein Labor – Quevri auch hier. Kakha antwortet auf alle Fragen bloss mit Ja, Nein, verzieht den Mund, wackelt mit dem Kopf. Zuerst schweigen, dann trinken. Er säubert ein paar schmutzige Gläser mit Quellwasser, so dass sie halbwegs durchsichtig wirken, und drückt sie uns in die Hand. Wir setzen uns auf stuhlähnliche Gebilde, die um einen gefrästen Baumstumpf stehen, auf dem allerlei etikettenlose Flaschen und Behältnisse unterschiedlicher Grösse versammelt sind. Ich degustiere die erste orange Flüssigkeit. Hart oxidiert, Hefearomen, ein zäher Weiss-wein von seltener Güte. Entweder ist Kakha ein Kurpfuscher oder ein Meister.

Ich habe Jahre gebraucht, um die oxidierten Naturalweine aus dem französischen Jura zu schätzen. Und nun treffe ich auf sie in nahezu vollendeter Form im georgischen Hinterland? So ist es in der Tat. Kakha outet sich als Anarchist des Laisser-faire, der die ganze Arbeit der Natur überlässt. Spontan wachsende Reben, Spontanfermentation, keine Chemie, nichts – nur der volle Geschmack bis zur äussersten Schmerzgrenze. Als ich, schon leicht angetrunken, vom Jura zu fabulieren beginne, verschwindet Kakha in der Baracke, um mit einer Flasche Vin Jaune von Philippe Bornard aufzutauchen, einem völlig durchgeknallten Winzer aus dem Jura. «Der war letzte Woche hier.» Ich mache grosse Augen. Ich selbst wollte Bornards Weine vor ein paar Jahren in die Schweiz importieren, aber Bornard wollte am Ende nicht – obwohl er mich doch genau darum gebeten hatte. Unberechenbarer Anarcho auch er. Sandro übersetzt, Kakhas Augen leuchten in diesem – seinem – Mikrokosmos aus Reben und Amphoren. Er serviert eine Chacha. Die Grappa zieht schön den Hals runter. Wir empfinden beide Hochgefühle. Und bewundern diese Welt, die so klein und doch so unergründlich ist.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»