Amerika zuletzt

Im Netz der Schweizer Freihandelsabkommen prangt ein grosses Loch: die USA. Die wirtschaftlichen Vorteile, die durch ein Abkommen realisiert werden könnten, wären auf beiden Seiten erheblich.

 

Der Schweiz stehen im internationalen Handel schwierige ­Zeiten bevor: Der Multilateralismus ist geschwächt. Das bisher durch die WTO garantierte, regelbasierte Handelssystem wird zusehends durch ein machtbasiertes abgelöst. Dies ist für eine – im globalen Kontext betrachtet – wenig mächtige, aber vom internationalen Marktzugang stark abhängige Volkswirtschaft wie die Schweiz nachteilig. Zusätzlich wird das Beschreiten des bilateralen Wegs mit der EU aus innenpolitischen Gründen für die Schweiz immer schwieriger. Beide Trends erhöhen die Bedeutung eines breit diversifizierten und gut ausgebauten Netzwerks an Freihandelsabkommen (FHA). Für den Kleinstaat ist es daher wichtiger denn je, neue Abkommen abzuschliessen und bestehende zu erweitern.

Die Schweiz verfügt bereits heute über ein dichtes Netzwerk an FHA. Sie hat über 30 Abkommen mit mehr als 70 Ländern1 abgeschlossen. Neben ihrer wichtigsten Handelspartnerin, der EU, fallen darunter auch bedeutende Märkte wie China, Japan oder Kanada. Mit dem existierenden Netz werden rund 60 Prozent des Weltmarktes abgedeckt, wobei zwei Abkommen – Indonesien und die Mercosur-Staaten – bereits verhandelt, aber noch nicht ratifiziert sind. Mit weiteren rund 17 Prozent des Weltmarktes befindet sich die Schweiz derzeit in offiziellen Verhandlungen über ein Abkommen, so etwa mit Indien oder der Zollunion Russland-Belarus-Kasachstan.

«Die Schweiz ist der zehntwichtigste Warenanbieter in den USA, umgekehrt sind die USA der zweitwichtigste Warenanbieter für die Schweiz. Unterm Strich resultiert für die Schweiz aber ein Exportüberschuss im Warenverkehr.»

Weit über die Hälfte der verbleibenden Lücke ist auf ein einziges Land zurückzuführen: die USA. Sie stellen mit allein 15 Prozent des Weltmarktes alle anderen potentiellen Freihandelspartner deutlich in den Schatten. Diese schiere Marktgrösse der USA und das hohe sowie über die letzten Jahre stark wachsende Warenhandelsvolumen machen das Land zum wichtigsten Partner für Verhandlungen über ein FHA.

Die Wichtigkeit der USA als Wirtschaftspartner

Die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen der Schweiz und den USA sind bereits heute sehr eng. Der Warenhandel hat sich in den letzten zwei Dekaden auf beiden Seiten des Atlantiks mehr als verdoppelt und beträgt heute kumuliert ungefähr 60 Mrd. Fr. Die Schweiz ist der zehntwichtigste Warenanbieter in den USA, umgekehrt sind die USA der zweitwichtigste Warenanbieter für die Schweiz. Unterm Strich resultiert für die Schweiz aber ein Exportüberschuss im Warenverkehr. Dem steht die Entwicklung des Dienstleistungshandels entgegen: Hier sind insbesondere die Schweizer Importe von amerikanischen Dienstleistungen stark gewachsen.2 Sie haben zwischen 2012 und 2017 um 80 Prozent zugenommen, womit die USA heute einen leichten Überschuss in der Dienstleistungsbilanz erzielen können. Rund ein Viertel aller durch die Schweiz importierten Dienstleistungen stammt heute aus den USA.

Auch bei den Direktinvestitionen zeigen sich die engen Verflechtungen zwischen den beiden Ländern: Die Schweiz ist trotz ihrer – im Vergleich zu den Big Playern – vergleichsweise geringen Wirtschaftskraft der siebtwichtigste Direktinvestor in den USA. Das schweizerische Investitionsvolumen in den USA ist mit über 300 Mrd. Fr. dreimal höher als dasjenige von China, Indien und Mexiko – Wohnort von 2,8 Mrd. Menschen – zusammen (!). Umgekehrt sind die USA nach der EU der zweitwichtigste Investor in der Schweiz.

Das FHA schafft Jobs

Diese wirtschaftlichen Verflechtungen generieren bereits heute über 700 000 Arbeitsplätze, 260 000 in der Schweiz und rund 450 000 in den USA.3 Hierzulande fallen dabei deutlich mehr Stellen durch den Austausch von Waren und Dienstleistungen an (180 000) als durch die Direktinvestitionen der USA (90 000). Für die USA dreht sich das Bild: Der Austausch von Waren und Dienstleistungen generiert «lediglich» rund 140 000 Stellen, während die Schweizer Direktinvestitionen in den USA stolze 320 000 Stellen schaffen.

Mit einem FHA könnten sich die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den beiden Staaten weiter vertiefen. Nimmt man an, dass das FHA zwischen der Schweiz und den USA ähnliche Effekte hätte…

Her mit der Ware!
Stefan Kooths, zvg.
Her mit der Ware!

Beim Thema Welthandel ignorieren Politiker standhaft Jahrhunderte ökonomischer Erkenntnisse: Sie sehen ihn, auch 200 Jahre nachdem David Ricardo das Konzept der komparativen Kostenvorteile erklärt hat, als Exportwettbewerb. Dabei würden im Zweifel sogar von unilateralem Freihandel alle Beteiligten profitieren. Eine Aufklärung.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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