Amazonen

Wie, was ich für ein Kind war? Das brauche ich Ihnen doch nun wirklich nicht zu erzählen, wie so eine Knabenkindheit im Amazonenstaat verläuft, hören Sie mir bloss mit dieser Maskerade auf, das wissen Sie ja wohl selber am besten, dass so eine einzelne Brust keinen rechten Mann zu nähren vermag, halbherzig war das alles, […]

Wie, was ich für ein Kind war? Das brauche ich Ihnen doch nun wirklich nicht zu erzählen, wie so eine Knabenkindheit im Amazonenstaat verläuft, hören Sie mir bloss mit dieser Maskerade auf, das wissen Sie ja wohl selber am besten, dass so eine einzelne Brust keinen rechten Mann zu nähren vermag, halbherzig war das alles, seit der Sieg der Frauen die Mütter in fremde Gefilde getragen hatte, an die Urne und weiss Gott wohin, und Gott weiss, die war ja auch nur ein Kind ihrer Zeit, die Mutter, wie die sich vom Schwung der Sechziger herausnahm, was ihr daran grad so passte, nämlich die Freiheit, auf LSD und Beatles zu verzichten und sich mit Wagner aufzuputschen, uns den Walküren auszusetzen, die meine Schwester verzückten und mich entsetzten, mir Augen und Ohren öffneten für die weibische Kriegslust, die uns überall umgarnt, und das biestische Treiben, mit dem die Töchter des Mars nach Unterwerfung trachten, trat mir unverhohlen entgegen, als mir die Lehrerin Verse wüster Dichtkunst in den Kopf zwang: Küsse und Bisse, das reimt sich, weiss ich doch, doch erkannte ich damals die Spielerei nicht, spürte nur dumpf, dass der Mann um etwas kämpfen musste, wusste zwar nicht wie, weil mit Pfeil und Bogen war die kühne Frauenmeute ja nicht zu schlagen, stieg aber trotzdem sofort in die Hosen, um den Röcken dereinst gestärkt zu begegnen, begann ich an Gewicht zuzulegen, Hand an meinesgleichen und die Schwäche auf den Rücken zu legen, jede Schwäche, überall, auf jeder Alp schwang ich obenauf und in den Gefriertruhen im Keller stapelten sich Berge von Munifleisch, so hoch, es gab kein Weiterkommen mehr, keinen Platz für meine Grösse in der hiesigen Enge, kein Ansehen für mein gekröntes Männerhaupt in dem emanzipierten Land, das nie keine Könige gewollt hatte, laut meiner Schwester, der Perfiden, die mir den Mund wässrig machte mit ihrem Gerede von sonderbaren Schwingstaaten, die drüben in Amerika über den Kopf des mächtigsten Mannes der Welt entschieden, die mir mit ihrem süssen Gesang den Verstand verwirrte, derart, dass ich mit meinen gesammelten Kräften in das verheissene Paradies aufbrach, einknickte im Sand, der mich im Reich des Sonnenscheins empfing, von Sägemehl keine Spur, dafür Fleisch, mehr als die ganze Arktis je kühlen könnte, notdürftig eingepackt in leopardengemusterte Stoffe, hübsch, aber etwas sinnlicher hatte ich mir die Sirenen vorgestellt, wilder vor allem, ihre Kriegslust war matt, nicht zerbeissen noch verstümmeln wollten sie mich, bloss ausnehmen, aber dass kampflos bei mir nichts zu holen ist, ging denen partout nicht ins Köpfchen, liess sich selbst mit sanften Hieben nicht einbleuen, und so ergebe ich mich nun halt ohne Widerstand, Sie sehen ja, wie ich Ihnen zu Füssen liege auf Ihrer Couch, und ich höre ja, wie lüstern das Blut unter Ihrer weissen Bluse wallt, so ziehen Sie die doch endlich aus und machen Sie keine langen Worte. Wir wissen ja beide, dass Sie nur darauf warten, mich einzuverleiben.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»