Am Tropf

Im Kanton Wallis zeigt sich exemplarisch, wie stark die Energiebranche mit dem Staat verbandelt ist. Ein Weg aus dem Subventionsdschungel ist nicht zu erkennen.

Am Tropf
Die 285 Meter hohe Wand des Walliser Grande-Dixence-Staudamms wurde 1954 unter Mithilfe Jean-Luc Godards, der die Erfahrung im Kurzfilm «Opération Béton» festhielt, erbaut. Bild: Grande Dixence, photographiert von der Comet Photo AG, 1973 / ETH-Bibliothek Zürich / Com_FC27-0288-008 / CC BY-SA 4.0.

Bitsch, 24. März 2017, 14.30 Uhr. Mit einem gelben Helm auf dem Kopf werde ich auf der Ladefläche eines Elektrofahrzeugs 750 Meter in den Berg gefahren. Am Ende des Stollens, der aufgrund aktiven Gesteins immer wieder neu ausbetoniert werden muss, stehen die Fahrräder der Mitarbeiter. Es öffnet sich der Blick auf eine grosse Halle, in der das eigentliche Kraftwerk Electra-Massa steht: hier wird Wasser aus dem Stausee Gibidum zu Strom gemacht. Weil das Kraftwerk noch bis in die Sommermonate in Revision ist, darf ich bis in die Turbinengrube hinuntersteigen. Bei Betrieb treffen hier pro Sekunde 55 000 Liter Wasser auf 15 Tonnen schwere Turbinenräder. Es ist alles hier etwas grösser, als ich es mir vorgestellt habe, die zwei Wassertanks zur Notkühlung etwa fassen je 150 000 Liter. Maschinen längst mehrfach umbenannter Firmen wie der BBC tun hier noch klaglos ihren Dienst, aber auch die Digitalisierung hat längst Einzug gehalten. Läuft die Anlage, dann läuft sie ferngesteuert aus Lausanne, dem Hauptsitz der Besitzerfirma Hydro Exploitation AG.

Die Wasserkraft ist essenziell für die Schweizer Energieversorgung: 59,9 Prozent der Stromproduktion des Landes stammten 2015 aus Wasserkraftwerken, die Kernkraft steuerte weitere 33,5 Prozent bei. Auch wenn die Wasserkraft eine erneuerbare Energie ist, wird sie in der Statistik nicht zusammen mit den diversen erneuerbaren Energien Holz, Biogas, Sonne und Wind aufgeführt, die gemeinsam für nur gerade 2,6 Prozent der Energie sorgten. Wasserkraft funktioniert in der Schweiz hervorragend, denn hier gibt es nicht nur hohe Berge, sondern auch viel Regen: Grosse Mengen an Wasser können also viele Höhenmeter herabfliessen. Wasserkraftwerke sind klima- und umweltfreundlich. Gegenüber anderen erneuerbaren Energien haben sie den bedeutenden Vorteil, dann Strom zu produzieren, wenn er benötigt wird, also zum Beispiel an einem kalten, windstillen Januarabend. Dieser Vorteil wird erst dann verschwinden, wenn es möglich wird, erzeugten Strom zu speichern – das jedoch ist bisher nur in Ansätzen möglich.

Geld für die Staatskasse

Lange Jahre war die Wasserkraft ein Erfolgsmodell. Nicht nur für die stromproduzierenden Unternehmen, die bis heute grösstenteils in öffentlicher Hand sind, sondern auch für Standortkantone wie das Wallis. Wie gross die gegenseitige Abhängigkeit von Kraftwerkbetreibern und Standortkantonen ist, zeigt sich anschaulich am Beispiel der Wasserzinsen, die für viele Bergkantone eine bedeutende Einnahmequelle sind. Im Wallis machen sie rund 150 Millionen Franken im Jahr aus, rund 8,5 Prozent aller Steuereinnahmen: 100 Millionen davon fliessen an den Kanton, 50 an die Gemeinden. Der Wasserzins ist eine Kausalabgabe, die von der öffentlichen Hand eingefordert wird, wenn sie einem Privaten das Recht zur Nutzung einer öffentlichen Ressource einräumt. Heute müssen Kraftwerkbetreiber ihren Standortkantonen 110 Franken pro Kilowatt Bruttoleistung abgeben. Diese aktuelle Regelung gemäss Wasserrechtsgesetz wird 2019 auslaufen. Weil sich die Energieunternehmen und die Kantone nicht einigen können, hat der Bund eine Neuregelung mit einem flexibleren Modell vorgeschlagen, dessen Details noch nicht bekannt sind. Nach Informationen der «NZZ am Sonntag» ist ein fixer Grundtarif von 50 bis 60 Franken geplant und ein Zuschlag, der sich am Geschäftsgang der Kraftwerkbetreiber orientiert und bei schlechten Geschäften ausfallen könnte.

Doch heute geht es der Wasserkraft hundsmiserabel, glaubt man dem Schweizer Wasserwirtschaftsverband: «Die Wasserkraft produziert heute mit Verlusten in der Grössenordnung von einer Milliarde Franken pro Jahr. Die Anlagen werden nur deshalb nicht vom Netz genommen, weil der Betrieb immer noch einen willkommenen Deckungsbeitrag an die sowieso bestehenden Kapitalkosten und öffentlichen Abgaben leistet.» Die angespannte wirtschaftliche Situation der Wasserkraftwerke sei vor allem die Folge politischer Eingriffe in den Markt, schreibt die Axpo, ein Energiedienstleister zu 100 Prozent in öffentlicher Hand, auf Anfrage: «Die massive Subventionierung stellt eine enorme Marktverzerrung dar. Insbesondere Deutschland und Italien fluten den Markt mit stark subventioniertem Solar- und Windstrom.»

Zückerchen für alle

Brig, 24. März 2017,…