Am Ende eine Plattensammlung

Siebzig Langspielplatten umfasst die Diskographie, die Hansjörg Schertenleibs Roman «Cowboysommer» abschliesst. Walter Roth, genannt Boyroth, hat sie seinem Jugendfreund Hanspeter vererbt. Kennengelernt haben sich die beiden im Sommer 1974, da waren sie siebzehn. Hanspeter erlernt den wenig später aussterbenden Beruf des Schriftsetzers, während Boyroth bei der Post jobbt. Da gibt’s «zwölfhundert im Monat», kein Wunder also, dass er sich all die Platten leisten kann, die unsereiner nur im Laden bestaunt. Die Zusammenstellung ist eklektisch, aber interessant. Alice Cooper und Larry Corryell, Iggy Pop und Grateful Dead, Jethro Tull und T. Rex. Sein spätes Urteil, bis auf «Dark Rose» gebe es nur Mist auf der ersten LP der niederländischen Band Brainbox, deshalb habe er das frühere Objekt der Begierde längst verkauft, spricht für Kennerschaft. Doch da befinden wir uns bereits im Jahr 2010, als Hanspeter, der Schriftsteller geworden ist, ihn an einem Imbissstand hinterm Bahnhof wiedertrifft. Heruntergekommen sieht er aus: «Er hatte einen zotteligen Bart mit Silbersträhnen und schulterlanges Haar, trug Jeans und einen grünen Parka.»

1974 sind Boyroths Haare noch länger. Hanspeter trifft ihn beim Fussball und weiss sofort: «Wenn ich ein Mädchen wäre, würde ich mich auf der Stelle in dich verlieben.» Eine Erkenntnis, die er sofort verdrängt. Tatsächlich ist es Boyroth, der die Initiative ergreift, indem er seinem neuen Freund sofort einen anderen Namen verpasst: «Etwas dagegen, wenn ich dich Gönggi nenne?»

Eine seltsame Beziehung entwickelt sich hier. Denn Boyroths Charisma beruht nicht zuletzt darauf, dass er für Hanspeter, der uns diese Geschichte erzählt, nur schwer zu durchschauen ist. Zumal er unglücklich in die Schwester seines Freundes verliebt ist, ohne mit ihm darüber sprechen zu können. Das bedeutet Macht. Und sich dieser zu entziehen, kann ausgesprochen schmerzhaft sein, wie Hanspeter erfahren muss, als er in den Ferien zu einer langgeplanten Interrail-Tour nach Skandinavien aufbricht, während Boyroth in Zürich bleibt. «Interrail! Wie all die andern. Nie.» Vielleicht soll der verächtliche Kommentar nur Stärke simulieren, aber das wird Hanspeter nie erfahren. Als er in die Schweiz zurückkommt, hat ein Unfall alles verändert.

Auf dem Umschlag dieses Romans finden sich zwei Fotos des Autors. Das eine zeigt Hansjörg Schertenleib heute, einen sympathischen bärtigen Herrn um die fünfzig. Auf dem andern ist ein Jugendlicher zu sehen: lange Haare, Jeanshemd und ein skeptischer Blick durch die grosse Brille. Man kann sich vorstellen, dass dieses Bild auf Schertenleibs Schreibtisch lag, während er an seinem Buch arbeitete, über dessen autobiographischen Anteil hier nicht spekuliert werden soll. Mit dem Blick auf das frühere Ich beginnt die Rekonstruktion einer Zeit, als man in einem Zitat von Leonard Cohen oder Bob Dylan noch die ganze Welt erklärt fand. Und das Leiden an der «selbstgewählte(n) Einsamkeit» durchaus geniessen konnte, wenn man jemanden fand, der sie mit einem teilte. Jemanden wie Boyroth eben. Auch wenn am Ende nicht viel mehr bleibt als die Erinnerung. Und eine Plattensammlung.

Hansjörg Schertenleib: «Cowboysommer». Berlin: Aufbau, 2010

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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