Alt- und Neubewährtes

«Swiss Design 2004 – Innovation» im Museum Bellerive, Zürich

Die Objekte auf den aktuellen schweizerischen Briefmarken – der für die Landesausstellung 1939 entworfene «Landistuhl», die 1944 gestaltete Bahnhofsuhr sowie der Kartoffelschäler «Rex» – dokumentieren die hohe Qualität des Schweizer Designs. Innovationen im Bereich der Gestaltung sind für ein Exportland wie die Schweiz von zentraler Bedeutung. Darum fördert das Bundesamt für Kultur (BAK) alle Bestrebungen zur Qualitätssteigerung. Seit 1917 wird ein Eidgenössischer Designerwettbewerb durchgeführt, an dem junge Designer ihre Arbeiten präsentieren können. Die gestalteten Objekte reichen vom Haushaltgerät über Photos und Graphik bis zu Schmuck und Mode. In diesem Jahr bewarben sich 348 Personen um Auszeichnungen und Förderpreise. Die Jury besteht aus Mitgliedern der Eidgenössischen Designkommission, die durch fünf externe Experten ergänzt wird. Die Prämiierten können seit drei Jahren zwischen einem Geldpreis, einem Atelieraufenthalt im Ausland und einem Arbeitsplatz im Ausland wählen. Diese Arbeits- oder Atelieraufenthalte erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Von den diesjährigen 21 Preisträgerinnen und Preisträgern wählten sechs die neuen Optionen.

Um die in 2004 prämiierten Werke zukunftsgerichtet zu präsentieren, hat das Museum Bellerive, ursprünglich eine grossbürgerliche Wohnvilla, die 1931 erbaut und bis 1968 als solche genutzt wurde, seine Räumlichkeiten in einen «Renovationsmodus» versetzt, um so an die frühere Nutzung als Wohnhaus zu erinnern. Aufgrund der vom Architekturbüro «Isa Stürm Urs Wolf SA» entworfenen «Wohnhausbaustelle» befindet sich das Museum während der Ausstellungsdauer buchstäblich im Umbruch. Die in den einzelnen Räumen ausgestellten Designobjekte schaffen einen Bezug zur fiktiven künftigen Nutzung der Räume durch die Bewohner. So sind in der Haupthalle Kleidungsentwürfe von Valerie Jantz (1978), Plakate, Saisonvorschauen und Programmhefte (u. a. für das Zürcher Schauspielhaus) des Graphikers Alex Trüb (1971) und Printbeispiele aus dem Bereich der visuellen Kommunikation des Graphikdesigners Laurent Benner (1975) zu sehen. In dem als «Esszimmer» bezeichneten Raum zeigt die Textildesignerin Marceline Bechtold (1972) eine Serie von neun Schürzenkleidern, die auf die Trachtentradition in Visperterminen Bezug nimmt. In der

«Küche» präsentiert Stefan Stauffacher (1965), Produktdesigner, seine mehrteilige Diplomarbeit «Tools – Werkzeuge für die Küche».

Ergänzt und noch klarer definiert werden die Räume, indem eigene und dem Museum Bellerive leihweise zur Verfügung gestellte Designmöbel und Antiquitäten unter die neuesten Schweizer Designs gemischt werden. Im Esszimmer steht zum Beispiel ein italienisches Cembalo aus dem 17. Jahrhundert, in der Diele ein Barwagen des finnischen Designers Alvar Aalto aus dem Jahr 1939 und im Herrensalon ein Salon-Tisch mit zwei Polsterstühlen des Belgiers Henry van de Velde aus den Jahren 1901 bis 1902. Bezeichnenderweise findet sich dort auch Aimée Hovings (1978) photographierte Serie von dreizehn (nicht publizierten) Farbphotographien von Genfer Anwälten. Die Männer präsentieren sich alle hinter ihren Schreibtischen, umgeben von Kunst und von Requisiten ihrer täglichen Arbeit. Der Wille, sich selbst zu inszenieren ist unübersehbar. Im Ausstellungskatalog, den das BAK konzipiert hat, wird von den zehn Wettbewerbskriterien die Innovation besonders hervorgehoben. Ist sie tatsächlich das Entscheidende? Die am Wettbewerb beteiligten Designerinnen und Designer lehnen das Prinzip der «Innovation um jeden Preis» durchs Band ab. Statt dessen herrscht die Meinung vor, dass «innovative Dinge durch Interesse und einen unverstellten Blick» entstehen. So führen Neuinterpretationen alter Techniken, die Verwendung alter Materialien für neue Formen oder neue Sichtweisen von Personen und Gegenständen immer wieder zu geglückten Neuanfertigungen, die sich dann über Jahrzehnte halten.

Die Ausstellung «Swiss Design 2004 – Innovation» ist bis 9. Januar 2005 im Museum Bellerive, Zürich zu sehen.

JULIANA SCHWAGER-JEBBINK berichtet für die Monatshefte über Ausstellungen. Sie lebt und arbeitet in St. Gallen und Zürich.

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