Alt ist gut

Die Angst vor den Folgen demographischer Überalterung geht um. An World-Age-Kongressen wird westeuropäischen Gerontokratien eine düstere Zukunft angekündigt. Warum eigentlich?

Erstmals in der Geschichte gibt es mehr Alte als Junge, mehr

Pensionäre als «U20», mehr Hochbetagte als Kinder. Waren es bisher die Jungen, die massenweise hinein ins Leben drängten, sind es nun die Alten. Alte, die an schönen Tagen mit ihren Generalabonnements Züge und Seilbahnen bevölkern. Alte, die sich wie all die Berufstätigen zur Stosszeit vor der Supermarktkasse drängeln. Alte im Séparée des Private Banking oder auf dem Spielplatz mit ihren Enkelkindern, und, seit die Jungen ihr Internetfernsehen haben, zur Mehrheit wohl auch bald im Kino.

Diese neue Welt mit vielen Alten weckte bislang kaum Glücksgefühle, weder bei den Alten noch bei den Jungen. Sorgenvoll beugt man sich an unzähligen Tagungen über die demographische Zukunft der westeuropäischen Länder. Kein Stolz über diese wahrhaftig grossartige Leistung unserer Gesellschaft! Alt werden und alt sein und das möglichst

lange in gutem Zustand – viele wünschen es und schrecken

doch vor einer Gesellschaft zurück, in der viele alt werden

und sind. Warum eigentlich? Warum wird das, worauf die Gesellschaft schon so lange mit soviel Aufwand hinarbeitet,

plötzlich so abgewertet? Weshalb hat eine Gesellschaft

plötzlich Angst davor, dort anzukommen, wo sie und auch die anderern Länder immer hinwollten? Nämlich zu einem für möglichst viele Menschen erfüllten, langen, über weite Strecken gesunden und glücklichen Leben.

Endzeitprophetien und Katastrophenszenarien künden vom Ende unserer modernen Gesellschaft. Sie machen geltend, dass wir uns so viele Alte nicht leisten könnten, und prognostizieren, dass weniger Kinder zu sozialer Kälte führten. Sie mahnen eine Rückbesinnung auf vormoderne Lebens- und Werteformeln an, um unser Überleben zu sichern. Es geht um «Macht-Kinder-Marsch»-Rufe, «Frauen-zurückan-den-Herd»-Forderungen, es geht um Verarmungs- und jugendlich verpackten Alterswahn und um Finanzierungskatastrophen.

Die demographische Entwicklung hat Schuld an vielem, vorab an den grossen Zerwürfnissen unserer Gesellschaft: an der fehlenden Balance zwischen den Generationen, an der Unfinanzierbarkeit von Renten, an fehlender wirtschaftlicher

Entwicklung und Produktivität. Gewiss, die Bevölkerungspyramide

steht Kopf. Aber wackelt sie? Nein. Stürzt alles in sich zusammen? Nein. Haben wir zu wenige Kinder, die uns zum Vorangehen antreiben und zu viele Alte, die zu viel Rückschau zelebrieren? Nein und nochmals nein.

Aber die Entwicklung verlangt nach Antworten. Die Alterung

hat den Menschen einen neuen Akt geschenkt, der sich jetzt mit Wucht zwischen den zweiten und dritten schiebt. Aus dem Dreiakter – Geburt/Kindheit, Familienphase/Arbeit, Alter/Tod – ist ein Vierakter geworden. Stoff zu einem neuen Stück, in dem alle das Leben neu denken, neu erfinden müssen. Vielleicht erklingen dann drängende Fragen in einem weitaus weniger bedrohlichen Ton. Ist Alzheimer wirklich das Waterloo eines Lebens? Holt man sich mit Viagra, Botox, Absaugmanöver oder Faltenkosmetik tatsächlich den Schlussapplaus zum langen Leben? Sitzt der Produktivitätsfaktor «graue Masse» nur zwischen den Ohren von 15–45jährigen? Wie wären die Lasten der Hochleister

im mittleren Lebensabschnitt besser zu verteilen? Wissen

Nichtruheständler, was Ruheständler konsumieren wollen?

Gehört zur «Selbstbestimmung bis zum Schluss» nicht auch,

dass auf ein Herbeizitieren und Managen des Todes verzichtet

und im Vertrauen – auch auf die anderen – das Sterben

besser ertragen wird?

Die massenhafte Alterung hat in unserer Gesellschaft darüber hinaus nicht nur das Leben der Alten in unserer Gesellschaft verändert. Auch das Leben der Kinder und Jungen wird anders. Weniger Kinder bedeuten nicht weniger, sondern mehr Liebe. Weniger Kinder erhöhen nicht nur die Erb-, sondern auch die Zuneigungsquote – und das immer häufiger über vier Generationen hinweg. Zudem sind Familienbande nicht mehr das einzige Fundament für die Gesellschaft von morgen. Viele sind ein Leben lang auf der Suche nach jenen Menschen, mit denen man nicht unbedingt das Blut, aber eine innere Verwandtschaft teilt.

Weniger kann auch mehr sein. Nicht nur mehr Zuneigung, mehr Zeit, mehr Platz. Weniger Junge bedeuten auch weniger Unruhe, weniger Gegröle,…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»