«Als Bloody Hedge Fund Manager lebt man in einer wunderbaren Welt»

David Harding nutzt Anlagestrategien, die auf Erkenntnisse der Mathematik und Physik setzen. Damit ist er Grossbritanniens grösster Steuerzahler geworden. Damit hat Hardings Branche aber auch zum Beinahe-Kollaps des globalen Finanzsystems beigetragen. Weil sie vergessen hat, dass Finanzmärkte soziale Gebilde sind.

«Als Bloody Hedge Fund Manager lebt man in einer wunderbaren Welt»
David Harding, photographiert von Giorgio von Arb.

Herr Harding, ich habe ein schönes Zitat gefunden, das sich auf Ihre Vergangenheit bezieht: «Die Aktien auf dem Marktplatz
kichern vor sich hin» – «The stocks in market place (with a snigger) they chuckle you away». Wissen Sie, woher die Zeile stammt?

Lassen Sie mich überlegen… Nein, ich weiss es nicht.

Es ist eine Zeile der britischen Punkband «Punishment of Luxury».

Wirklich? Gut gewählt! Ich war ein Riesenfan von «Punishment of Luxury», wir fühlten uns damals wie die Anhänger eines kleinen Fussballteams. Die späten 1970er Jahre waren einfach phantastisch, es gab tolle Bands, die irre Bühnenshows gaben und grosse Erfolge feierten. Zum Beispiel «The Stranglers». Sagt Ihnen der Name AHL etwas?

Das war keine Band, sondern Ihr erster Hedge Fund, der auf quantitative Investitionen setzte. AHL steht für die Initialen der drei Gründer. Sie haben das H geliefert.

Genau, das A, Michael Adam, ist nun als Vorgruppe der Punkband «The Stranglers» auf Amerikatour – eine grossartige Geschichte. «Punishment of Luxury» landeten jedoch nie dort, wo «The Stranglers» hinkamen. Ihnen war der grosse Erfolg nicht vergönnt.
 

Weil sie ihn nicht aktiv suchten?

Das glaube ich nicht. Es geschah einfach nicht. Aber 2008 fand ich heraus, dass sie wieder Konzerte spielten, wie viele andere alte Punk- und New-Wave-Bands auch. Als ich Wind davon bekam, übernahm ich die Kosten einer Plattenaufnahme und eines Konzerts in London. Das war skurril, aber ich habe es genossen – ich hatte Lust, das zu tun, und ich konnte es mir als Hedge Fund Manager leisten.

Sie haben dank Ihrer unkonventionellen Investitionsstrategien letztes Jahr geschafft, zu Grossbritanniens grösstem Steuerzahler zu avancieren. War Punkmusik in Ihrer Jugend ein gutes Training, um gegen vorherrschende Konventionen und Ansichten zu agieren?

Dieses Training absolvierte ich anderswo. Mein Vater war eine Persönlichkeit, die fest an den Wert eigener Überlegungen glaubte und viel darauf hielt, selbst zu denken. Mein Vater war, was man im Englischen «cussed» nennt. Das bedeutet: beinahe renitent. Er war sehr höflich und nett, aber intellektuell eben oft abweichend. Und genau darauf basieren letztlich meine konträren Strategien. So wie mein Vater in keine Schublade reinpasste, war auch ich nicht clubkompatibel. Das machte mich wahrscheinlich gleichermassen zum Punk wie später zum gegenspekulierenden Geldmanager.

Ist der konträr denkende Anleger der Ansicht, dass die Masse falsch liegt, oder kommt er unabhängig von der Masse zu eigenen Schlüssen?

Ich bin weit davon entfernt, ein grosser Wissenschafter zu sein, aber Galileo glaubte an etwas, weil er aufgrund seiner Forschung überzeugt war, dass es richtig sei. Ich bin mir sicher, er war auch nicht schubladisierbar. Er riskierte, für seine Ansichten gehängt zu werden, und traute seinen Erkenntnissen mehr als der vorherrschenden Sicht auf die Welt. Wissenschafter haben es grundsätzlich darauf angelegt, eigene Schlüsse zu ziehen. Und dieser Tradition fühle ich mich verpflichtet.

Auch die Schlüsse eines solchen «Wissenschaftspunks» beruhen in der Regel aber auf Vorwissen. Auf welcher Basis arbeiten unkonventionelle Investoren?

Sicher verfügen sie über andere Informationsquellen als die Masse, deren Denkweise sich aus den Medien speist. Wenn die Leute etwa über die Krise in Zypern sprachen, dann stammten ihre Informationen meist aus der gleichen kleinen Serie von Artikeln. Die Leute konnten sehr klug klingen, wenn sie über Zypern sprachen, aber oft steckte dahinter kein einziger eigener Gedanke. Man kann alle Artikel über ein Thema lesen und dann daraus einen Essay verfassen, ohne je mit betroffenen Personen oder Entscheidungsträgern gesprochen zu haben. Tut man das aber, wirft das die aus den Medien gewonnenen Ansichten nicht selten komplett über den Haufen.

Man nimmt das wahr, was einem in die Agenda passt, und macht sich nicht die Mühe, mit eigenen Berechnungen zu eigenen…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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