Wir brauchen Ihre Unterstützung — Jetzt Mitglied werden! Weitere Infos

Alpen. Im Sammelband immer mit

Wie wirklichkeitsnah und gegenwartsrelevant sind die gängigen Bilder, die man sich von der Schweiz macht? Variation und Kritik der identitätsstiftenden Schweizer Mythen wurden insbesondere in der Literatur und der Essayistik formuliert – man erinnert sich an entsprechende Einlassungen von Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Adolf Muschg oder Hugo Loetscher. Ob die Auseinandersetzung mit der Heimat und […]

Wie wirklichkeitsnah und gegenwartsrelevant sind die gängigen Bilder, die man sich von der Schweiz macht? Variation und Kritik der identitätsstiftenden Schweizer Mythen wurden insbesondere in der Literatur und der Essayistik formuliert – man erinnert sich an entsprechende Einlassungen von Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Adolf Muschg oder Hugo Loetscher. Ob die Auseinandersetzung mit der Heimat und der Kampf gegen deren Mythen auch jüngere Schriftstellergenerationen noch intensiv beschäftigt, ist allerdings nicht klar. Mit Neugier lässt man sich daher auf die Lektüre von «Schweiz schreiben» ein.

Leider handelt es sich um einen recht gewöhnlichen germanistischen Sammelband, hervorgegangen aus einer 2006 in Dublin abgehaltenen Tagung, einen Band mit fast allen lässlichen Sünden, die dieses Genre seit Jahrzehnten in Verruf bringen: nicht immer einsichtige Zusammenstellung der Beiträge, teils willkürlich erscheinende Auswahl der verhandelten Themen, und immer wieder auch sprachliche Verstiegenheiten. Die an den Anfang des Buches gestellte Rede von Adolf Muschg kann getrost überblättert werden. Nicht aber die instruktive Einleitung der Herausgeber Jürgen Barkhoff und Valerie Heffernan, und auch nicht die beiden unter das Motto «Mythos Schweizerliteratur» gestellten Beiträge von Peter von Matt und Michael Böhler. Jener stellt nüchtern fest, dass die traditionelle politische Mythologie der Schweiz für heutige Literaten wie für die heutige Germanistik «immer belangloser» werde – weshalb er sich, scharfsinnig wie immer, auch lieber mit Keller, Gotthelf, Dürrenmatt und Frisch beschäftigt. Böhler sieht auch heute gute Schriftsteller am Werke, «welche die Schweiz aufräumen oder einräumen, umräumen oder abräumen, auch gelegentlich das Feld räumen und das Weite suchen».

Dem «Mythos Alpen» widmen sich vier Aufsätze – unter anderem werden Franz Bönis mythische Bergwelten umkreist und die Spuren von Albrecht von Hallers «Alpen» (1729) in Alois Brandstetters Erzählung «Almträume» (1993) vermessen. Peter Bichsel, Peter Weber und Herbert Meier haben den «Mythos Eidgenossenschaft» literarisch variiert. Und dem «Mythos Sonderfall» sind drei erhellende Studien zugeordnet, in denen es unter anderem um Thomas Hürlimann und Otto Marchi geht. Auch ein «Mythos Multikulturalität» wird postuliert, in diesem Abschnitt gehe es wild durcheinander zwischen dem «Röschtigraben»-Mythos, Literarischem von Yusuf Yesilöz und Dragica Rajčić sowie Beat Sterchis Roman «Blösch» (1983). Germanistisches zu Ruth Schweikert, Peter Stamm, Zoë Jenny und Jürg Laederach kann man auch noch lesen, und weil die Tagung in Irland stattfand, steht ein Vortrag über das «keltisch-helvetische Netz» in Gabrielle Alioths Kinderromanen am Ende eines im Detail sehr lehrreichen, insgesamt aber etwas langweiligen und tendenziell beliebigen Sammelbandes.

Jürgen Barkhoff & Valerie Heffernan (Hrsg.): «Schweiz schreiben. Zu Konstruktion und Dekonstruktion des Mythos Schweiz in der Gegen-wartsliteratur». Berlin/New York: Walter de Gruyter, 2010

»
Abonnieren Sie unsere
kostenlosen Newsletter!