Alpen. Geht es auch ohne?

Dieses Buch erinnerte mich anfangs an eine Freundin, die zwei Jahre in Shanghai leben musste und dort unter der Überbevölkerung litt. Nirgendwo sei Platz, meinte sie, selbst im Park sehen man vor lauter Chi-Gong übender Menschen kein Grün mehr. Sie machte sich mit ihrer Kamera auf und fotografierte freie Plätze, waren sie auch noch so klein, eine Art künstlerische Überlebensstrategie. So entstanden Fotos von einem Stück Rasen ohne Menschen, von einem gepflasterten Platz ohne Leute, von einem Stück Strasse ohne Autos… alles mühevoll und mit Geduld gesucht. Aber ach, diese Rasenstücke, Plätze, Strassen hätten ebensogut in Bruck bei Erlangen, Dayton/Ohio oder in Sydney aufgenommen worden sein können, es war einfach nur Rasen, Pflaster… Und, ehrlich gesagt, die Chi-Gong übenden Massen hätten mich viel mehr interessiert.

Die Alpen, möchte ich fast mit modischem Wort anzumerken wagen, sind ein Alleinstellungsmerkmal der Schweiz (Österreicher bitte weggucken), ähnlich wie Uhren, Schokolade, Schweizermesser. Dennoch war ich voller Interesse und Verständnis, als ich die Verlagsankündigung und später die Einleitung der vorliegenden Publikation las. Die Schweizer Identität sei aufs engste mit den Alpen verbunden, ein sich verselbständigendes Klischee sei das, und erstmals «thematisiert das vorliegende Buch die künstlerische Darstellung alpenloser Schweizer Landschaften und vermittelt ein neues, ungewohntes Bild der Schweiz».

Ein wenig irritierte mich dann schon, wie umständlich erklärt werden musste, dass auch «ein kurzer Text ebenso ein Bild sein kann wie ein gemaltes». Was dann aber an Exponaten und Kommentaren aneinandergereiht wurde, wirkte wie unfreiwillige Komik, gepaart mit viel gutem Willen. Ich wäre die letzte, die Zersiedelung und Verstädterung als ein unwichtiges Thema betrachten würde; doch die Präsentation der Thematik innerhalb dieses Bandes, der eine Ausstellung im Museum zu Allerheiligen (bis zum 26. September 2010) in Schaffhausen begleitete, ist in ihrer Banalität und Austauschbarkeit verblüffend.

Ein Kapitel ist der Frage gewidmet: «Wie KünstlerInnen langweilige Landstriche wahrnehmen» – nun möchte ich rufen: «Hallo, Schweiz war das Thema! Vergessen?». Dann folgt das Kapitel «Magische Orte», dessen Text mich an den Komiker Loriot erinnert – hier: Loriot macht eine Bildbesprechung, ähnlich der «Lektüre des Fahrplans». Die natürlich immer interessante Frage «Was ist ein Bild in der Lage zu zeigen und was nicht?» wird durch die absolut schräge Interpretation des Bildes «Wasserfallfinsternis» von Valentin Hauri, eines der interessantesten Exponate vielleicht, als Beispiel für «ausserirdisches Schauspiel» angeführt, danach folgt ein Beispiel für die «Rückkehr des Magischen» in der Malerei, gar die «Landschaft als Bühne für die Niederkunft des Magischen», die an Komik nur übertroffen wird durch ein Gedicht über Schafe, Thema: «Landwirtschaftliche Landschaften». Immerhin taucht auf den folgenden Seiten ab und zu das Wort «Schweiz» auf, die Zwischenüberschrift «Die verschwundene Schweiz» wirkt nun bereits wie Selbstparodie.

Sehenswert, das soll noch angemerkt werden, ist die Abbildung des Werkes «Cervelat» der Künstler Monica Studer und Christoph von den Berg, ein wirklich guter Beitrag zu dem im Anfang so spannungserzeugend entfalteten Thema, für dessen Vorkommen sich der Kurator des Bandes aber entschuldigen zu müssen glaubt. Dieses Bild ist unverkennbar Schweiz, mit viel Schweiz, doch ganz ohne Alpenpanorama. Und stimmt gerade deshalb traurig – hätte so schön sein können!

Markus Stegmann (Hrsg.): «Schweiz ohne Schweiz. Alpenlose Landschaften». Zürich: Scheidegger & Spiess, 2010

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»