Alles muss raus!

Nullzins + Gebühren = Negativzins. Das Bankguthaben des Normalanlegers verringert sich, wenn es liegenbleibt. Also muss investiert werden! Nur wie? Ein Selbstversuch.

Alles muss raus!
Mein (sehr bescheidenes) Vermögen habe ich auf dem Privatkonto bei einer Schweizer Bank deponiert. Noch zahle ich keinen Negativzins darauf. Aber der Positivzins, den die Bank dafür bezahlt, dass sie mit meinem Guthaben hantieren kann, beträgt aktuell lediglich 0,01 Prozent. Das bedeutet: allfällige Zinsgewinne werden längst von immer neuen Gebühren aufgefressen. Mein der Bank anvertrautes Geld verringert sich – und es wird sich weiter verringern: Wenn die Geschäftsbanken bei der SNB und der EZB keinen Zins mehr erhalten, sondern einen bezahlen müssen, sind sie dazu gezwungen, sich vermehrt über den Kunden zu finanzieren. Und das geschieht, genau, mit Negativzinsen und Gebühren. Höchste Zeit also, mein Gespartes möglichst bald zu verpulvern. Oder: mein Bankguthaben in alternative Anlagen einzutauschen, die eine Mehrung und keine Verringerung versprechen.

2008 war das Jahr der Finanzkrise. Seither senkten die Notenbanken in den USA, Grossbritannien und Europa die Leitzinsen, die sich bis dahin in einer Höhe von 4 bis 6 Prozent bewegt hatten, auf 1 Prozent und weniger ab. Noch im Jahr 1990 wurden Bundesobligationen der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit positiven Zinssätzen von 6,3 Prozent (20-jährige Anleihen) bis 7,3 Prozent (2-jährige Anleihen) vergütet. 2016 jedoch war der Zinssatz stets unter null Prozent, also negativ. Wer heute ein Stück der Schweiz besitzen will, verliert Geld, statt es zu mehren.

 2015, sieben Jahre nach der Finanzkrise, führte die Schweizer Nationalbank Negativzinsen ein. Banken, die Geld bei der SNB deponieren, müssen seither einen Negativzins von 0,75 Prozent bezahlen. Bisher wälzte erst die Alternative Bank Schweiz (ABS) diese Negativzinsen auf ihre Kunden ab, andere Banken zögern noch, ihrem Beispiel zu folgen. Eine GfK-Umfrage ergab 2016, dass nur vier Prozent von 1000 Befragten ihr Erspartes auch bei einer negativen Verzinsung auf dem Bankkonto lassen wollen. Jeder vierte Befragte gab an, bei Einführung von Strafzinsen sein Geld abheben und mehr Bargeld horten zu wollen. Dass die Befragten alle auch so handeln werden, ist aber unwahrscheinlich, denn der Mensch, oft träge und wenig interessiert an kompliziert erscheinenden Finanz- und Vermögensfragen, müsste sich ja aktiv für alternative Anlageformen entscheiden.

Wie also anlegen?

Ich treffe mich mit Maximilian Kunkel, einem grossgewachsenen, smarten, geschliffen formulierenden Mitarbeiter des UBS Chief Investment Office Wealth Management mit dem wohlklingenden Jobtitel Cross-Asset-Strategist. Zunächst klären wir ein paar Grundvoraussetzungen, also der Umfang des Investments, die Renditeerwartungen und die Risikotoleranz: bin ich eher bereit, 10 Prozent zu verlieren oder 30 Prozent? «Vielen geht es vor allem darum, ihr Kapital langfristig zu halten und wenn möglich zu vermehren. Überraschungen will man wenn möglich keine erleben», sagt Kunkel und legt mir drei Grundprinzipien nahe:

1. Diversifizieren. Also Anlagen in unterschiedlichen Vermögensklassen, in verschiedenen Ländern und in verschiedenen Branchen tätigen. Die Frage lautet: Welche Kombination gibt auf fünf bis sieben Jahre hinweg die beste strategische Vermögensallokation? Abweichungen auf taktischer Ebene sind hier zu vernachlässigen.

2. Von Trends profitieren. «Megatrends» wie die Urbanisierung, das Bevölkerungswachstum, die Alterung der Gesellschaft oder das durch den Wohlstand ausgelöste Sicherheitsbedürfnis blieben in den letzten Jahren bemerkenswert stabil. Man kann von ihnen profitieren, indem man beispielsweise in die Infrastruktur von Schwellenländern investiert, in die Krebsforschung oder in Sicherheitslösungen.

3. Abweichungen innerhalb der Vermögensallokation. Extrarendite kann erwirtschaftet werden durch kluge taktische Bewegungen innerhalb der strategischen Vermögensallokation. Es geht dabei um Fristen von bis zu sechs Monaten.

Kleinen Anlegern wie mir empfiehlt Kunkel ein klassisches, über verschiedene Anlagen diversifiziertes Portfolio, vielleicht angereichert mit Hedgefunds. Kleinsparern generell empfohlen sei die dritte Säule, ergänzt Kunkel. So könne man auch Steuern sparen. Also mache ich mich auf die Suche nach Anlagemöglichkeiten für mein beschränktes Budget: Immobilien, Kunst, Goldbarren und andere Anlagen, in die sowieso schon alle investieren, lass ich mal aus.

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