Alles beim Alten

Der digitale Graben und der Verteilkampf um Rentengelder verschärfen den Konflikt zwischen den Generationen. Die bürgerlichen Parteien gehen davon unbeeindruckt in die Wahlen 2019.

Alles beim Alten
Zeitung lesen war gestern. Bild: Schweizerisches Sozialarchiv / F 5117-Fe-076.


Ziemlich exakt bei der Altersgrenze von fünfzig Jahren zieht sich ein tiefer Graben durch unsere Gesellschaft, nennen wir ihn den Digitalisierungsgraben. Wer 1968 geboren wurde, hat erst im Erwachsenenalter seinen ersten Computer zu Gesicht bekommen und war mindestens dreissig, als das Internet zum täglichen Begleiter wurde. 1998 Geborene sind dieses Jahr zwanzig geworden – und sie kennen keine Welt ohne Internet. Was das heisst, versteht etwa Johann Schneider-Ammann. In seiner Rücktrittsrede sagte der abtretende Wirtschaftsminister zum Thema Digitalisierung:«Wir unterschätzen nach wie vor enorm, was das für uns bedeuten wird, was das für die Bildung bedeuten wird, für die Wertschöpfungsketten, die auseinanderfallen und neu zusammengesetzt werden müssen.»1 Es lohnt sich, den Satz zweimal zu lesen: die Wertschöpfungsketten ­fallen auseinander. Und sie müssen neu zusammengesetzt ­werden. Viel dramatischer gehtʼs eigentlich nicht für die Wirtschaft. Zum Glück schob Schneider-Ammann noch einen Satz mit der Lösung nach: «Man muss sich dem jetzt verschreiben, sich dieser Digitalisierungsherausforderungen hundertprozentig annehmen.»

Zwei Generationen, die unterschiedlich leben und lesen

Geschieht das in der Schweiz? Vielerorts schon. Die Schweizer Parteien- und Medienlandschaft jedoch funktioniert weitgehend noch so wie vor der Digitalisierung. Natürlich haben Parteien heute Websites, Politiker twittern, auch die Medienhäuser haben sich transformiert. Die grundsätzlichen Strukturen sind dennoch weitgehend unverändert geblieben: Der Meinungsaustausch der Parlamentarier erfolgt über Zeitungen. Wähler, so glauben sie, sind über das Fernsehen, mit Gratiszeitungen und Postwurfsendungen zu erreichen. Auch Parteien, Vereine, Abonnemente sind finanziert über Mitgliederbeiträge, die per Post mit einem Einzahlungsschein aus Papier verschickt werden. Doch die Jungen lesen nachweislich kaum noch Zeitungen, schauen kein lineares Fernsehen mehr und sind häufiger unterwegs, als dass sie ihren Briefkasten leeren. Wenn sie Abonnemente haben, dann von Spotify oder Netflix. Sie sind auch zumeist nicht mehr von der Wiege bis zur Bahre am gleichen Ort zu Hause, weshalb sich ihre Präferenzen hinsichtlich der Erreichbarkeit oder des lokalen Engagements völlig verändert haben.
Das Wehklagen über das allmähliche Verebben des zivilgesellschaftlichen Engagements und die damit einhergehende Übernahme von Aufgaben durch den Staat ist laut. Mancherorts kommt das privat organisierte Vereinsleben zum ­Erliegen, das ­Milizprinzip darbt, auch das Annehmen von Ehrenämtern ist im täglichen Organisationsdschungel der Anforderungen keine allzu reizvolle Option mehr. Während viele Junge – «Generation Praktikum» – zwar gerne mehr Verantwortung übernehmen würden, den Einstieg ins selbstbestimmte Leben suchen, aber allzu oft ­keinen finden, ziehen einige nicht unterzukriegende Alte den Karren weiter. Sie arbeiten einfach immer weiter und weiter, mehr und mehr. Machtpositionen geben sie, wenn überhaupt, nur unter Druck auf. Stellvertretend für viele, die auch im fortgeschrittenen Alter mit protestantischem Arbeitsethos Leistung bolzen, steht Hans-Ulrich Gumbrecht, emeritierter Professor in Stanford: «Ich arbeite so viel, dass es mir gelingt, die wirklich Begabten aus dem Feld zu schlagen», sagte er der NZZ2, die nur wenige Tage später festhielt, dass der Mensch im Schnitt noch nie so wenig arbeitete wie heute: «Wir sind längst aus dem Zeitalter der Leistungsgesellschaft heraus- und in die Epoche der Freizeit-Hochleistungsgesellschaft eingetreten.»3 Diese zwei grundverschiedenen Posi­tionen treffen vermehrt aufeinander und verstehen sich gegenseitig immer weniger. Es sind die Positionen zweier Generationen, die in unterschiedlichen Verhältnissen, ja Welten sozialisiert worden sind – die einen im Industriezeitalter, die anderen im Informationszeitalter.
Es ist nicht so, dass Junge kein Verständnis für gewachsene Strukturen aufbringen würden und nicht bereit wären, diese zu reformieren. Und es ist auch nicht so, dass sich Alte per se nicht mit der Digitalisierung auseinandersetzen würden. Wenn aber Alte bei Podiumsgesprächen digitale Erkenntnisse verbreiten, die sie selbst gerade neu gewonnen haben, bei den Jungen aber seit vielen Jahren bekannt sind, oder umgekehrt Junge radikale Positionen vertreten, die sich in…

Alles beim Alten
Zeitung lesen war gestern. Bild: Schweizerisches Sozialarchiv / F 5117-Fe-076.
Alles beim Alten

Der digitale Graben und der Verteilkampf um Rentengelder verschärfen den Konflikt zwischen den Generationen. Die bürgerlichen Parteien gehen davon unbeeindruckt in die Wahlen 2019.

«Aus der ‹chambre de réflexion› ist eine ‹chambre de coalition› geworden»
Lukas Golder, fotografiert von Lukas Rühli.
«Aus der ‹chambre de réflexion› ist eine ‹chambre de coalition› geworden»

Die zunehmende Lust am öffentlichkeitswirksamen Polarisieren hemmt die Reformfähigkeit der Schweiz. Bei wechselnden Koalitionen ist von einem bürgerlichen Schulterschluss im Parlament wenig zu spüren. Was bedeutet das für die Parteien ein Jahr vor den Wahlen?