All about Eve

Ein Zimmer, darin Eva, tyrannisiert von einer unerschütterlichen Aufseherin, die jeden Weg ins Draussen mit dem Hinweis auf die dortigen Gefahren abwehrt: so beginnt Lukas Bärfuss’ Theaterstück «Öl». Bald wird klar, dass Eva seit Jahren praktisch gefangen ist. Sie wartet auf ihren Mann, der in irgendeiner Wildnis das Öl sucht, das beide reich machen würde. Die Aufseherin entpuppt sich als Dienstmagd, die von der gedemütigten Eva nach Kräften gedemütigt wird.

Wie Eva in immer neuen Variationen die Angestellte erniedrigt und wie diese in rudimentärem Deutsch doch meist beharrlich Widerstand zu leisten vermag, ist vergnüglich zu lesen und bietet, wie die Uraufführung am Deutschen Theater Berlin zeigte, auch den Schauspielerinnen die Gelegenheit zu brillieren. Wenn der Ölsucher Herbert und sein Ingenieur auftreten, vervielfältigen sich die Kampflinien. Auch die beiden Männer sind aufeinander angewiesen, auch sie hacken aufeinander ein. Zum Kampf um Anteile am erhofften Gewinn tritt dann der um die Frau – wenn nicht sogar die Macht über die Frau auch Verfügung über das Geld bedeutet.

Diese Eva lebt also in keinem Paradies, und es überrascht nicht, dass am Ende, wenn doch noch Öl gefunden ist und Hunderte von Millionen winken, die Flinte zum Einsatz kommt. Das alles ist klug konstruiert und als ins Düstere gewendetes Konversationsstück nicht ohne Unterhaltungswert. Da Bärfuss’ Sätze eine hohe gestische Qualität besitzen, ist «Öl» fast durchgängig eine ideale Vorlage für Schauspieler und dürfte darum seinen Weg über die Bühnen machen.

Bärfuss geht es nicht um Psychospielchen in exotischer Umgebung. Das ist einerseits Stärke des Stücks, denn wer mag schon zum tausendsten Male mürrische Familienopfer auf der Bühne sehen. Eva ist zwar alleingelassen – aber sie hat zu begreifen, dass ihr Problem ein gesellschaftliches ist und kein individuelles, dass ihr Herbert nicht als erfolgloser Ölsucher problematisch ist, sondern zerstörerisch als zuletzt erfolgreicher Finder; denn die Bevölkerung des ausgebeuteten Landes wird das Nachsehen haben. Wenn sie am Ende zur Waffe greift, so nicht allein, weil sie die Männer verachtet, sondern weil sie verstanden hat, wie übel deren Tun ist.

Andererseits, als Schwäche des Stücks, kollidiert die Erkenntnis mit der dramatischen Grundsituation. Eva kann in keinen Konflikt geraten, der ihr eine Entwicklung erlauben würde, weil sie von Beginn an isoliert ist. Wie einen Schlangenersatz lässt Bärfuss deshalb ein Alter Ego auftreten, Evas besseres Selbst, das eine Art von Apfel der Erkenntnis präsentiert: dass wir letztlich doch immer zwischen Gut und Böse zu unterscheiden vermögen und all unsere Versuche, zu differenzieren, Ausflüchte vor unserem Wissen sind.

Wenn Eva am Ende schiesst, zerstört sie zwar das Paradies, das ihr der Ölgewinn eröffnet hätte. Doch ist die individuell befreiende Tat absehbar folgenlos, andere werden von dem Öl profitieren. Am Ende steht eine Revolte, keine Revolution. Man kann den Kontrast zwischen politischem Stoff und Innenraumdramaturgie als Schwäche werten; man kann ihn als Symptom begreifen. Begreift man auch mit Eva, dass ein Wirtschaften wie bisher in die Katastrophe führt, so bleibt doch ein gangbarer Weg jenseits vom Mitmachen mit schlechtem Gewissen und ziellosem Dagegen nur schwer erkennbar. Insofern repräsentiert Bärfuss’ Stück auf hohem Niveau eine Übergangsgesellschaft, die sich im Ungewissen darüber befindet, welche Barbarei ihr bevorsteht.

vorgestellt von Kai Köhler, Berlin

Lukas Bärfuss: «Öl. Schauspiel». Göttingen: Wallstein 2009

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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