Alfred Tell und Wilhelm Escher

Alfred Tell und Wilhelm Escher

Warum wir die wehrhaften Wurzeln der Schweiz nicht verleugnen sollten. Eine Einführung.

Felix Helvetia: Wie unbeschwert und heiter ist ein Volk, das sich nicht unentwegt an Kriegsopfer und militärische Heldentaten zu erinnern hat! Während man in anderen Ländern auf Schritt und Tritt über Soldatendenkmäler stolpert, sind diese rar in der Schweiz. Auch Statuen von Generälen sind kaum präsent. Statt Siegessäulen und imperialer Triumphbögen bewacht Alfred Escher den Eingang der Zürcher Bahnhofstrasse als wirtschaftliches Epizentrum der Schweiz. Nicht ein kämpferischer Tell, sondern ein durch und durch liberaler Wirtschaftskapitän darf diesen prominenten Platz besetzen.

Der einst mächtige und umstrittene Zürcher Heerführer und Bürgermeister Hans Waldmann muss sich mit einem eher bescheidenen Reiterstandbild vor dem Fraumünster begnügen. Ein anderer Held der Schweizer Geschichte, der Reformator Zwingli mit Bibel und Schwert vor der Wasserkirche, erduldet noch härtere Zeiten: Erst wird er für eine Kunstaktion in die anrüchige Zürcher Langstrasse gestellt, dann setzen ihm Aktivistinnen sogar ein pinkes Hütchen auf. Doch es kommt noch schlimmer. Manche Theologen und Historiker möchten das monumentale Denkmal am liebsten vom Sockel stossen, da Zwingli mit seinem gewaltigen Schwert unhistorisch und ein Beispiel für das nationale Pathos des späten 19. Jahrhunderts sei.

Das einzige echte Soldatendenkmal in der Stadt Zürich ist die Skulptur «Wehrbereitschaft» von Hans Brandenberger – die wohl symbolhafteste Verkörperung schweizerischen Verteidigungswillens im 20. Jahrhundert. Sie zeigt einen Bürger in Heldenpose beim Anziehen der Uniformjacke, den Stahlhelm zu Füssen. Doch der Bürger in Uniform darf sich weder vor einer Kirche präsentieren, noch beschützt er einen prominenten Platz: Einst Anziehungspunkt an der «Landi 39», findet sich eine Nachbildung des verschwundenen Originals nun an der Rückwand einer Turnhalle, immerhin vis-à-vis der Universität Zürich.

Die Alte Eidgenossenschaft – eine Peinlichkeit?

Im Schulunterricht, in der Literatur und in den grossen Museen werden Schweizer Militär- und Kriegsgeschichte heute kaum mehr vermittelt. Die einst waffenstrotzende Ruhmeshalle im Landesmuseum Zürich – über Jahrzehnte sonntägliches Ausflugsziel von Vätern mit ihren Söhnen – ist entmilitarisiert. Ein ganzheitliches Armeemuseum ist bislang Desiderat geblieben; denn um die militärische Erinnerungskultur der Schweiz ist es nicht allzu gut bestellt. General Guisan klingt einem breiteren Publikum noch vertraut. Doch wem sagt der Name Jomini etwas? Der Mann aus Payerne – neben Clausewitz ein Militärstratege von Weltruf – hat nicht nur unter Napoleon und den russischen Zaren gedient, sondern ist auch der Begründer der Logistiklehre.

Vergessenheit ist das eine. Bedenklicher wird es, wenn Militär- und Kriegsgeschichte in der Öffentlichkeit pauschal als etwas Negatives gesehen werden. Wurde die Rolle der Schweizer Armee in der Zeit der geistigen Landesverteidigung den Umständen gehorchend überhöht, so hat sich dies in den letzten Jahrzehnten ins Gegenteil verkehrt: Die Verdienste der Aktivdienstgeneration werden relativiert. Kaum noch jemand mag sich mit den einst streitbaren Eidgenossen identifizieren, die schon Machiavelli anerkennend als «sehr kriegerisch und frei» beschrieben hat. Die Sonderfallthese hat ausgedient. Das Besondere an der schweizerischen Staatsbildung droht zum ideologisch motivierten Erzählstrang im Zuge nationaler Selbstfindung fiktionalisiert zu werden. «La Suisse n’existe pas»: Mit diesem Leitspruch von 1991 hat eine historische Mythenjagd begonnen, mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit auf die moderne Schweiz und ihren Platz in Europa zu lenken. Und diese Schweiz beginnt 1848 mit der Bundesstaatsgründung, mit der demokratischen Verfassung und der sozialstaatlichen Fundierung. Was vorher war, gilt vielen als Vorspiel und eher peinlich.

Bündnis zwischen Bürgertum und Bauernschaft

Jede Generation hat das Vorrecht, Geschichte neu zu entdecken und darüber zu debattieren. Und selbstverständlich ist dem Historiker Thomas Maissen recht zu geben: Er arbeitet in seiner populären «Geschichte der Schweiz» klar heraus, dass es keinen direkten Weg von der Alten Eidgenossenschaft zum Bundesstaat gibt. Vielmehr war der Zeitraum zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert geprägt von wechselnden Allianzen regional orientierter Städte und Länderorte, von inneren Konflikten und Brüchen. Die Eidgenossen…