Alfred Escher, 1819-1882: Aufstieg, Macht, Tragik

Zürich: NZZ-Verlag, 2007

Die Universität Zürich und Alfred Escher: zwei klingende Namen. Die eine feiert in diesem Jahr ihr 175jähriges Bestehen, der andere erlebt ein eigentliches Revival, wie es die erfolgreiche, bereits in der dritten Auflage gedruckte Escher-Biographie von Joseph Jung deutlich macht. Die beiden stehen exemplarisch für Zürich als führende Wirtschafts- und Wissenschaftsmetropole. Sie sind aber auch durch ihre Geschichte miteinander verbunden. Alfred Escher schloss im Jahr 1842, als erster Doktor beider Rechte, sein Studium an der Universität Zürich summa cum laude ab und wirkte danach noch kurz als Privatdozent. Und so wie die Universität in ihren Anfängen, spielte auch Alfred Escher eine Aussenseiterrolle jenseits des Zürcher Establishments. Während Escher mit ungeheurem Neuerungswillen gegen die Ressentiments der alteingesessenen Zürcher Familien ankämpfte, musste sich die Universität gegen den Vorwurf von konservativer Seite wehren, eine Brutstätte des radikal-liberalen Rebellentums zu sein.

Auch wenn sich die Universität Zürich mit postumen Ehrbezeugungen in Gestalt von Büsten oder Gedenktafeln in ihren Räumlichkeiten schwertut, so besitzt sie doch mit Alfred Escher eine der mächtigsten Persönlichkeiten der Schweizer Wirtschaftsgeschichte in ihrer Ahnengalerie. Aber nicht bloss die Universität zeigt Mühe im Umgang mit ihren grossen Absolventen. In der Schweiz sind politische Helden und Pioniere an sich verpönt, wie Joseph Jung in seiner Biographie treffend schreibt – sei es aufgrund republikanischer Reflexe gegenüber allzuviel Grösse oder aufgrund der föderalistischen Skepsis gegenüber zentraler Machtballung. Immerhin hat es Alfred Escher erreicht, in Bronze gegossen zu werden, an symbolhafter Stelle vor dem Hauptbahnhof Zürich, mit dem Blick nach dem fernen Gotthard – und nach Jahrzehnten der Vergessenheit wird er endlich wieder in einer umfassenden und spannend zu lesenden Biographie als grosser Staatsmann und Wirtschaftspionier gewürdigt.

Als die Universität Zürich im Jahr 1833, nach deutschem Vorbild organisiert, ihre Türen öffnete, war sie ein Hort der konsequent liberalen Ideen und Gruppierungen und sah sich deshalb mit Missgunst und politischen Repressionen im In- und Ausland konfrontiert. Die gezielte Berufung progressiv gesinnter Professoren, besonders auch aus Süd- und Mitteldeutschland, versetzte die konservativen Gemüter in Stadt und Land in Wallung und schürte auch den Neid anderer Kantone über die bildungspolitische Führungsrolle Zürichs. Der Deutsche Bund und einzelne monarchische Regierungen, wie Preussen und Bayern, stellten die Immatrikulation ihrer Untertanen an der Universität Zürich gar unter Strafe oder drohten, wie Württemberg, ihnen den Eintritt in den öffentlichen Dienst zu versagen.

Anlässlich der Feier zum 25jährigen Bestehen der Universität Zürich im Jahr 1858 erwähnte der Rektor Professor Ferdinand Hitzig in seiner Ansprache im Grossmünster mit Stolz den Sieg über die Kräfte der Reaktion. Auch Alfred Escher, der zu dieser Zeit bereits in hohen Ämtern und Ehren stand, fand Erwähnung. Und dies, obschon er, als spiritus rector des 1855 gegründeten Eidgenössischen Polytechnikums, der Universität Zürich Konkurrenz machte und eigentlich von der Idee einer Schweizer Nationaluniversität mit Sitz in Zürich beseelt war.

Die Hochschule, der Eisenbahn- und Tunnelbau sowie die Schweizerische Kredit­anstalt, dies sind die Pfeiler von Eschers Lebenswerk. Das Fundament dazu legte er in seiner Studentenzeit. Aus vermögendem Haus kommend, aber am Rande von Zürich residierend und wegen seiner Familiengeschichte als «Neureicher» von der etablierten Zürcher Gesellschaft geschnitten, schuf sich Escher mit dem Eintritt in die Studentenverbindung Zofingia ein wichtiges Beziehungsnetz. In der Zofingia stiess er auf gleichgesinnte Kommilitonen, die sich liberale Reformen auf die Fahne geschrieben hatten, sich dabei gegenseitig unterstützten und in den 1840er Jahren den Marsch durch die Institutionen antraten.

Eschers steiler Karriere als Politiker und Unternehmer kamen aber auch die politischen Umstände zur Hilfe. Die Vereinheitlichung des Binnenmarktes im Jahr 1848 brachte der Schweiz über Jahrzehnte einen ungeahnten Wohlstand. In dieser Blütezeit des Wirtschaftsliberalismus fanden privates Kapital und Industrie erstmalig in grossem Ausmass zusammen. Der freie Binnenmarkt dynamisierte…

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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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