Alfred C. Mierzejewski: «Ludwig Erhard. Der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft»

«Die «Soziale Marktwirtschaft» ist heute in Deutschland nicht zuletzt deshalb ein allseits gelobtes, konsensfähiges Konzept, da es beliebig in zwei entgegengesetzte Richtungen dehnbar erscheint. Meint es, das rauhe Marktgeschehen müsse durch staatliche Interventionen, Umverteilung und kollektive Absicherung geglättet und somit «sozial» gemacht, also der bittere Kapitalismus durch sozialstaatlichen Zucker versüsst werden? Oder ist der Begriff «Soziale Marktwirtschaft» in Wirklichkeit eine Tautologie? Sorgt die marktwirtschaftliche Dynamik allein schon für Effizienz und Wachstum und damit für allgemein steigenden Wohlstand?

Ludwig Erhard neigte der zweiten Interpretation zu. Dem Ökonomen Friedrich August von Hayek verriet der bundesdeutsche Wirtschaftsminister: «Ich hoffe, Sie missverstehen mich nicht, wenn ich von der sozialen Marktwirtschaft spreche. Ich meine, dass der Markt an sich sozial ist, nicht dass er erst sozial gemacht werden muss.» Die Mehrzahl der Deutschen hat Erhards neoliberale Provokation missverstanden. Sein Motto «Wohlstand für alle» gefiel ihnen wohl. Doch dass zu Erhards «Sozialer Marktwirtschaft» untrennbar die Bereitschaft zu Leistung, Risikobereitschaft, Disziplin und Eigenverantwortung gehörte – diese Wahrheit haben sie rasch und nachhaltig verdrängt. Der «dritte Weg», den die Ordoliberalen wünschten, ist längst auf Abwege geraten.

Die lesenswerte Biographie des amerikanischen Historikers Alfred C. Mierzejewski räumt einiges von dem goldenen Nebel aus, der sich um Erhards «Wirtschaftswunder» und die «Soziale Marktwirtschaft» gelegt hat. Mierzejewskis flüssig geschriebene Studie ist umso begrüssenswerter, als sie das schiefe Bild von Erhard geraderückt, das Volker Hentschel in seiner 1996 erschienenen Biographie gezeichnet hat. Hentschels Wälzer von fast tausend Seiten setzte zwar mit Recherchefleiss neue Massstäbe, irritierte aber durch offenkundige Ressentiments des Autors. Dessen These, Erhard sei als Ökonom unfähig, als Politiker bestenfalls naiv gewesen, stiess auf Ablehnung in Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Die ersten fünfzig Jahre in Erhards Leben waren eher unspektakulär. Geboren 1897 im fränkischen Fürth, half er zunächst in der elterlichen Textilhandlung, studierte an der Nürnberger Handelshochschule und promovierte beim «Sozialliberalen» Franz Oppenheim in Frankfurt. Dessen sozialistisch gefärbte Thesen übernahm er nicht, wohl aber die Abneigung gegen das Wirken von Interessengruppen zum Schaden der echten Marktwirtschaft. Als Mitarbeiter eines Instituts für Marktforschung hatte Erhard von 1928 bis 1942 Gelegenheit, die Strategien von Verbänden und Kartellen kennenzulernen. Mierzejewski führt Erhards späteren Kampf für die Rechte der Verbraucher auch auf diese Erfahrungen zurück.

Die weitere NS-Zeit überwinterte Erhard als Leiter eines winzigen Konsumforschungsinstituts, konnte aber wichtige Kontakte zu marktwirtschaftlich gesinnten Industrieführern knüpfen. Wegweisend waren einige Passagen seiner Anfang 1944 verfassten Denkschrift «Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung», die unmittelbar vor dem Attentat des 20. Juli 1944 in Widerstandskreisen um Carl Friedrich Goerdeler zirkulierte. Erhard schlug darin vor, nach der zu erwartenden Niederlage des NS-Regimes das ganze System der staatlichen Kontrollen schrittweise abzuschaffen und freien Wettbewerb zuzulassen.

Das Jahr 1945 gilt in Deutschland als Stunde Null, deren Zeichen jedoch erkennbar auf Sozialismus standen. Das Trauma der Weltwirtschaftkrise lastete noch schwer. Allgemein wurde die Massenarbeitslosigkeit dem Chaos der Märkte zugeschrieben. Bis weit in bürgerliche Kreise hinein war daher der Glaube an eine liberale, selbstregulierte Wirtschaft brüchig geworden. Ideen von staatlicher Planung herrschten auch bei den Alliierten vor, besonders bei den Briten und Franzosen, die das NS-Kontrollsystem unverändert weiterführen wollten. Erhard, inzwischen Direktor der bizonalen Wirtschaftsverwaltung, wagte den Sprung ins kalte Wasser. Gegen massive alliierte Widerstände und die Front der deutschen Zweifler gab er am 20. Juni 1948, zeitgleich mit der Einführung der neuen Währung, einen grossen Teil der seit 1936 eingefrorenen Preise frei.

Seine mutige Tat zeitigte bald Früchte. Der Markt war entfesselt, der Weg frei für das «Wirtschaftswunder». Erhard selbst winkte ab: Wunder gebe es keine im Bereich der Wirtschaft. Der rasche Anstieg der deutschen Produktion und die verbesserte Versorgungslage seien logische Folgen des freien Marktes. Zu Recht verwirft Mierzejewski die längst widerlegte These Werner Abelshäusers, der…

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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»