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Gedanken zu strategischen Chancen der Schweiz in der neuen Welt(un)ordnung

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Unserem Land und den verantwortlichen Organen wird in aussenpolitischen Fragen von allen möglichen Seiten vorgeworfen, an einem Strategiedefizit zu leiden. Lavieren statt handeln. Zuwarten statt anpacken. Ziellos herumreisen statt konzentriert auftreten. Es hat nichts mit den ersten Anzeichen von möglicherweise sich einmal einstellender Altersmilde zu tun, wenn ich diese Einschätzung im folgenden relativieren werde.

Denn erstens kann sich die Schweiz ja insgesamt nicht über mangelnden Erfolg beklagen. Was soll also das Gejammer über das Strategiedefizit? Es könnte durchaus sein, dass der Erfolg nicht trotz, sondern just wegen mangelnder Strategiefähigkeit entstanden ist. Die Gunst von Konstellationen, die nie und nimmer «gemacht», erdacht, herbeigeführt, durchgesetzt werden könnten, wird systematisch unterschätzt. Dass man Glück, Zufall oder Fügung nicht durch allzu gezieltes strategisches Handeln vermasselt, kann auch ein Erfolgsrezept sein. Vorausgesetzt allerdings, es liege eine solche positive Grundkonstellation vor. Das trifft für die Schweiz zwischen 1945 und 1989 gewiss zu. Seither gibt es Gegenwind mit Tendenz zu Böen und drohenden Stürmen.

Zweitens aber ist der Vorwurf eines Strategiedefizits dann verfehlt, wenn sich die Rahmenbedingungen des Umfelds derart rasch und gravierend verändern, dass auch ein gut bestücktes Strategieorgan ausser Fehleinschätzungen und Fehlprognosen keine wesentlichen Erkenntnisse hätte beisteuern können. Die Wende von 1989, der Aufstieg Chinas, die Bedeutung des Internets, die Attraktivität des Islams für religionsverwahrloste westliche Menschen: Sozusagen alles war falsch oder zumindest verharmlosend eingeschätzt worden. Das sogenannte Undenkbare zu denken: das darf man vom Kollektiv und dessen Gremien nicht erwarten. Es muss im intellektuellen Diskurs geschehen, genauso wie das Erkennen der grossen Entwicklungslinien. Wenn unserem Land etwas vorgeworfen werden kann, dann ist es das Fehlen einer intellektuellen Auseinandersetzung ausserhalb der engen Grenzen politischer Korrektheit. Die folgenden Überlegungen sind ein Versuch, in aller gebotenen Bescheidenheit einen Beitrag zu «Undenkbarem» und zu möglichen Entwicklungslinien zu leisten.

Schöne, andere neue Welt

Es lassen sich heute, gegen das Ende eines über 20 Jahre dauernden, gewaltigen gesellschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungsschubs der Welt, einige Grundtendenzen beobachten, die es durchaus erlauben, nach sorgfältiger Lageanalyse und dem darauf basierenden Ersinnen möglicher Szenarien einige strategische Handlungsvarianten zu erarbeiten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind zu nennen:

1. Die Welt ist deutlich grösser geworden, als sie es vor 25 Jahren noch war. Die der Weltwirtschaft zur Verfügung stehenden Produktionsfaktoren Land und Mensch haben sich durch das Ende des bipolaren Systems vermehrfacht. China, Vietnam, Sibirien gehören heute völlig selbstverständlich zu den Gebieten, wo investiert und produziert werden kann. Die neu hinzugekommenen Menschen wollen mehr Wohlstand und arbeiten deshalb fleissig, lange und vielerorts zu sehr tiefen Löhnen. Gerade jetzt beobachten wir, wer hätte das gedacht (sic!), den Einstieg Afrikas in diese Gebietserweiterung der Welt.

2. Zur genau gleichen Zeit hat ein technologischer Erneuerungsschub stattgefunden, der – so dürften die Wirtschaftshistoriker eines künftigen Tages feststellen – die industrielle Revolution rund um die Einführung der Dampfmaschine, der Eisenbahn, der Förderbänder und des Automobils in den Schatten stellt. Die Explosion der Rechenkapazitäten und die enormen Möglichkeiten moderner Kommunikation haben zu einer weltweiten Sozialisierung des Wissens (die «Encyclopedia Britannia» in den Slums von Nairobi) geführt, zur Elimination kostspieliger Intermediationsfunktionen beim Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Kapital sowie zu einer Verviel-
fachung der Interaktion zwischen den Menschen schlechthin. Die Welt hat einen Effizienz- und Wissensschub erfahren; die Kapazitäten haben sich vervielfacht.

3. Das Prinzip der Territorialität hat an Bedeutung verloren. Der Wegfall der tödlichen militärischen Bedrohung aus dem Warschauer Pakt hat das Verständnis des Weltbürgers für militärische Macht dahinschmelzen lassen. Die Verlagerung von Produktionskapazitäten auch mittlerer und kleiner Unternehmungen in Entwicklungs- und Schwellenländer hat viele zu Global Players werden lassen. Die regionalen Rahmenbedingungen sind nur noch relativ wichtig. Notfalls weicht man aus. Die Teilnahme an Systemen hat dagegen…

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