Afrikas 9/11

Die Tür steht offen, in den Schaufenstern warten die Puppen. Sie sind unverletzt. Schicke Kleider, Tops, Schuhe, Handtaschen gibt es zu kaufen, auf Kreditkarte. Kein Fenster ist zersprungen, nichts ist zertrümmert oder ausgeplündert. Eine junge Mutter umklammert ihr Kind; der Schrecken ist ihr ins Gesicht geschrieben. Krampfhaft hält sie das Fläschchen in der Rechten. Zu […]

Afrikas 9/11
Bild: Keystone EPA / Kabir Dhanji

Die Tür steht offen, in den Schaufenstern warten die Puppen. Sie sind unverletzt. Schicke Kleider, Tops, Schuhe, Handtaschen gibt es zu kaufen, auf Kreditkarte. Kein Fenster ist zersprungen, nichts ist zertrümmert oder ausgeplündert. Eine junge Mutter umklammert ihr Kind; der Schrecken ist ihr ins Gesicht geschrieben. Krampfhaft hält sie das Fläschchen in der Rechten. Zu einem Einkaufsbummel war sie gekommen, doch nun ist alles anders. Ein Soldat in Kampfstiefeln und Stahlhelm hält Wache vor dem Geschäft. Breitbeinig steht er da. Trotz des angstvollen Blicks der Mutter scheint keine akute Gefahr zu bestehen. Sonst läge der Wächter auf dem Boden, die Waffe im Anschlag; und der Photograph hätte keine Musse für diesen Schnappschuss inmitten des Chaos.

Vor wenigen Minuten war die Lage noch todesgefährlich. Urplötzlich begann die Schiesserei, Granaten explodierten, Lachen von Blut verbreiteten sich auf den Fliesen. Niemand sah, aus welcher Richtung das Feuer kam und wo sich die Mörder verschanzt hielten. Keiner wusste, welche Auswege noch offen waren und wie man der Geiselfalle entgehen konnte. Der Terror der Überraschung war total. Sie kamen, um zu töten; wahllos feuerten sie in die Menge und ergriffen Geiseln als lebende Schutzschilde. «Ungläubige» waren ihr bevorzugtes Ziel. Doch nun scheint die Lage geklärt. Sofort rückten Polizei und Spezialkommandos an, kreisten den Tatort ein, verhalfen vielen Menschen zur Flucht und begannen eine Belagerung, die mehrere Tage dauern sollte. Die geräumten Abschnitte wurden von Posten bewacht.

Der Überfall auf das Einkaufszentrum in Nairobi war kein lokales Ereignis. Es war Afrikas 9/11. Unter den islamistischen Mördern waren auch Bürger aus westlichen Ländern, sofort wurden ausländische Experten eingeflogen; zu den hunderten Toten und Verletzten zählten auch Entwicklungshelfer, Touristen und Diplomaten aus aller Welt. Westgate war ein internationaler Treffpunkt und ein Glitzersymbol des Wohlstands. Mit Bedacht hatten die Terrorkrieger dieses Ziel ausgewählt. Es verkörperte die verhasste Konsumkultur des Westens. Unbemerkt schleusten sie Waffen und Sprengsätze ein und tarnten sich in der Maskerade des harmlosen Verbrauchers. Die Freiheit des Friedens nutzten sie, um mit einem Fanal den Krieg inmitten der Gesellschaft zu eröffnen.

Das Photo verzichtet auf die bekannten Beweise des Dramas: flüchtende Familien, vorwärtsstürmende Soldaten, rauchende Trümmer. Seine bipolare Komposition zeigt eine stabile Ordnung der Gegensätze. Vor der Konsumkulisse ist die Welt in zwei Hälften geteilt. Türpfosten und Wandsäule wirken als vertikale Bild­achsen, welche Personen, Attribute und Zustände plakativ einander entgegenstellen: die hilflose, kleine, weisse Frau und der starke, schwarze Mann, Licht und Schatten, Angst und mutige Macht, Schrecken und Sicherheit, Gesellschaft und Staat.

Zwischen beiden Sphären besteht kaum eine Verbindung. Die Frau wendet dem Mann den Rücken zu, nur kurz blickt er zu ihr hinüber. Sie lenkt ihn von seinem Auftrag ab: den Flur, die Rolltreppe, die Läden im Auge zu behalten. Obwohl sie kaum zwei Meter voneinander entfernt sind, haben sie nichts gemein. Nicht das Chaos des Überfalls zeigt das Bild, sondern die sichere Macht im Hintergrund, gestützt durch die visuelle Ordnung der Stereotype.

Wie die Mutter ihr Kind abschirmt, so beschützt der wehrhafte Krieger die Schwachen. Und dennoch scheint die Ruhe trügerisch. Deplaziert wirkt der schwerbewaffnete Elitesoldat zwischen den schlanken Puppen und schmächtigen Zivilisten. Seine Uniform taugt für den Krieg im Gelände, nicht für die zivile Konsumwelt. Sie tarnt ihn nicht, sie stellt ihn aus, wie ein düsteres Bollwerk. Westgate war nicht der Anfang, sondern der vorläufige Höhepunkt des chronischen Terrorkriegs in der Region. Die Tarnuniformen werden gegenwärtig bleiben, als Symbole staatlichen Schutzes, als vertrautes Zeichen der Sicherheit und Abschreckung und – wieder einmal – als textiles Requisit für die Männermode der nächsten Saison.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»