Ärztealltag, Mühsal, Leid

Erich Sutters Roman «Irminger, Chirurgus» ist in zweifacher Hinsicht ein Erstling. Er ist das erste literarische Werk des in Fällanden wohnenden Autors und er ist der erste im Zytglogge-Verlag erschienene Ärzteroman. Wer nun bei der Bezeichnung «Ärzteroman» an romantische Liebesgeschichten voller Herzschmerz denkt, hat nur einen kleinen Teil des Buches erfasst. Denn Sutters historischer Roman führt in 20 Kapiteln das Leben von sieben Personen der Pfaffhausener Ärztefamilie Irminger vor, die im 18. Jahrhundert gelebt und ihr Geld hauptsächlich als Veterinär- oder Humanmediziner verdient haben. In ihrem Alltag findet sich wenig Romantisches, dafür um so mehr Mühsal und Leid.

Eindrücklich zeigt Sutter, wie die gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten im Zürich des 18. Jahrhunderts das Leben der Ärztefamilie prägten. So kommen die Irmingers mehrfach mit dem Ehegericht in Konflikt, das über den moralisch korrekten Umgang zwischen den Geschlechtern wacht und für vorehelichen Beischlaf Geld- oder Gefängnisstrafen verhängt. Während Hans Heinrich die Busse für sein uneheliches Kind anstandslos bezahlt, flieht sein Vetter Rudolf wegen seiner Frauengeschichten nach Pommern, wird bei seiner Rückkehr aber dennoch für seine Vergehen inhaftiert. Und auch das Eheleben ist durch die ärmlichen Verhältnisse belastet und wird durch den Tod der eigenen Kinder auf die Probe gestellt. Als «Chirurgen» sind sie einem hartem Konkurrenzkampf ausgesetzt und werden – wie im Falle des zunächst als Wunderdoktor berühmten, dann als «Lachsner» oder Quacksalber verschrienen Heinrich– wegen obskuren (und vor allem erfolglosen) Behandlungsmethoden empfindlich gebüsst. Ist bereits in Friedenszeiten die Belastung der Landbevölkerung durch Steuern und Abgaben an die Stadt bzw. deren Vertreter hoch, so steigert sie sich noch in Kriegszeiten, wie das Ende von Sutters Familienroman verdeutlicht. Heinrich muss nicht nur fremde Soldaten beherbergen, sondern auch mit seiner Familie während des verworrenen Kriegsgeschehens in und um Zürich in den Jahren 1798/99 zunächst bei den Franzosen, dann bei deren Gegnern, den Russen und Österreichern, als Arzt dienen.

Die individuellen Schicksale der Irmingers zeichnet Sutter mit Hilfe von Zitaten aus historischen Akten und Dokumenten historisch getreu nach. Leider erscheinen die Figuren nicht als eigenständige Charaktere, da sie trotz der gewählten Ich-Form, in der sie über ihre Erlebnisse berichten, im gleichen Sprachstil reden. Die thematische Vielfalt des Romans zeugt von jahrelangen gründlichen Recherchen zum Ärztewesen und zum Lebensalltag des 18. Jahrhunderts, die der ehemalige Lehrer Sutter – bisweilen in der Absicht, heute kaum mehr verständliche Begriffe zu erklären – etwas sehr pedantisch ausbreitet. Dessenungeachtet sind es gerade die detailgenauen Schilderungen der Zustände des Ancien Régime, die das Buch so lesenswert machen.

vorgestellt von Jesko Reiling, Bern

Erich Sutter: «Irminger, Chirurgus. Roman einer Ärztefamilie (1769–99)». Zürich: Zytglogge 2007.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»