Abgang

Zügigen Schritts verlässt das Paar den Saal. Mit hängenden Schultern und gebeugtem Haupt geht der Mann neben der stolzen Frau. Der Abstand zwischen den Eheleuten ist deutlich. Weder halten sie einander bei den Händen noch würdigen sie sich eines Seitenblicks. Jeder geht für sich allein – hinaus in die Bedeutungslosigkeit. Ihre Zeit ist vorbei. Viele […]

Abgang

Zügigen Schritts verlässt das Paar den Saal. Mit hängenden Schultern und gebeugtem Haupt geht der Mann neben der stolzen Frau. Der Abstand zwischen den Eheleuten ist deutlich. Weder halten sie einander bei den Händen noch würdigen sie sich eines Seitenblicks. Jeder geht für sich allein – hinaus in die Bedeutungslosigkeit. Ihre Zeit ist vorbei. Viele Meter liegen schon zwischen den Requisiten des Amtes
und dem Paar. Der Abgang ist definitiv – und nicht unverdient. Der Blick aus der Dackelperspektive rückt das Ereignis ins rechte Licht. Die Fahne der Nation und das Rednerpult, an dem soeben der Rücktritt erklärt wurde, überragen die Personen bei weitem. Unter dem gewaltigen Kronleuchter wirkt das Bürgerkönigspaar a.D. wie historische Zwerge.

Angetreten mit dem Versprechen von Glamour und Überparteilichkeit, endete die Präsidentschaft Christian Wulffs in einer armseligen Affäre. Neben dem Verdacht der Günstlingswirtschaft hinterliess der Amtsinhaber den Eindruck fehlender Urteilskraft und selbstgerechter Raffgier. Obwohl die meisten Verfehlungen ziemlich belanglos waren, fühlte sich am Ende niemand mehr von diesem Präsidenten repräsentiert. Die Klage über Habgier im Amt war indes pure Heuchelei. Sie nahm dem Nutzniesser übel, was man selbst nicht erhielt. Die Moral des höchsten Staatsvertreters entsprach dem gesellschaftlichen Durchschnitt. Und dennoch sahen viele die Würde des Amtes peinlich befleckt. Das Photo des schmählichen Abgangs widerlegt dieses Gerede auf einen Blick. Riesengross und hell erleuchtet ist der Palastraum der Institution, winzig klein das Paar nach der Abdankung. Ungefährdet überlebt die Autorität des Amtes den kläglichen Ehrverlust der Person.

Mittlerweile ist das Paar fast schon vergessen. Ämter überleben ihre Inhaber ohnehin. Wenn ein Amtsträger jedoch nichts zu entscheiden hat, steigt das Bedürfnis nach Vorbild, Gesinnung und Tugend. Die altehrwürdigen Kriterien für die Politik als Beruf, illusionslose Leidenschaft für eine Sache, Verantwortungsgefühl und Beharrungsvermögen, gelten für den deutschen Präsidenten nicht. Er hat nur zu reden, aber nichts zu sagen. Er kann nichts durchsetzen und nichts verteilen. Gunsterweise, Belobigungen oder Moralpredigten können zwar Ansehen, aber keine Autorität einbringen.

Die Autorität des Amtes beruht nicht auf dem Charisma der Person, sondern auf der kollektiven Sehnsucht nach überparteilicher Harmonie, nach pastoralem Sonntagston und – gelegentlich – volkspädagogischer Ermahnung. Oberhalb des tagespolitischen Kampfes um Privilegien, Proporz und Prestige soll der Präsident die Geborgenheit des guten Ganzen darstellen. Jenseits parteilicher Intrigen und Kompromisse hat er die Werte der idealen Gemeinschaft nicht nur zu verkünden, sondern – neuerdings – mit Leib und Seele zu verkörpern. Tief verwurzelt ist diese Sehnsucht in der Gesellschaft. Weder Geschäftsfreunde noch Parteifreunde soll der Präsident haben. Mit den trüben Regionen des Interesses, der Wirtschaft und Politik, soll er nicht länger in Berührung kommen. Flugs könnte er der Versuchung erliegen, Geld in Macht und Macht in Geld zu konvertieren. Er darf nicht verhandeln, tauschen, locken oder drohen, er soll nur reden, winken und den Bundesbrüdern gütig zulächeln.

Der Körper des Präsidenten ist die Projektionsfläche für die vorpolitischen Wünsche einer Gesellschaft, die des parteilichen Haders, der unpersönlichen Bürokratie, der anonymen Marktprozesse und allseitigen Käuflichkeit überdrüssig ist. Der Sieg der Medien im Fall Wulff gründet auf dieser kollektiven Gemütslage. Sie giert nach persönlicher Glaubwürdigkeit, vorgeführt in einem Schloss mit Ballsaal und strahlenden Kronleuchtern. Es ist wenig wahrscheinlich, dass der Nachfolger diesem Verlangen genügen wird. Er ist als Mann des klaren Wortes bekannt, als Gegner staatlichen Paternalismus und als Freund der ungeteilten Freiheit. Gegen ihn haben sich die Gesinnungswächter des alten Wohlfahrtsregimes bereits in Stellung gebracht.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»