Abenteuer Armenien

Anfrage an Radio Jerewan: «Was ist Kapitalismus?» Antwort von Radio Jerewan: «Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.» Zusatzfrage: «Und was ist Kommunismus?» Antwort: «Da ist es genau umgekehrt.»   «Radio Jerewan», der legendäre Witzsender, der in der Sowjetzeit als Chiffre für beissende Kommunismuskritik stand, dürfte etwas vom wenigen sein, das zum Allgemeinwissen über Armenien […]

Abenteuer Armenien

Anfrage an Radio Jerewan: «Was ist Kapitalismus?»

Antwort von Radio Jerewan: «Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.»

Zusatzfrage: «Und was ist Kommunismus?»

Antwort: «Da ist es genau umgekehrt.»

 

«Radio Jerewan», der legendäre Witzsender, der in der Sowjetzeit als Chiffre für beissende Kommunismuskritik stand, dürfte etwas vom wenigen sein, das zum Allgemeinwissen über Armenien zählt – zumindest zum heiteren. Wenn das Land im Südkaukasus von sich reden macht, dann in der Regel mit seiner traurigen Geschichte; mit dem Genozid von 1915, der sich im April zum hundertsten Mal gejährt hat, mit den seither dauerhaft gestörten Beziehungen zur Türkei, dem ungelösten Konflikt um Berg-Karabach, dem latenten Krieg mit Aserbaidschan oder der suspekten Nähe zu Putins Russland, dem sich die kleine Republik seit 2013 verstärkt zuwendet.

 

Keine Frage: die Lage im Südkaukasus ist eine vertrackte und durch unzählige Freund-, Feind- und Seilschaften verkomplizierte. Aber ebenso fraglos bildet die Region zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer eine geographische Schlüsselstelle. Sie ist ein Scharnier zwischen West und Ost, ein Korridor zwischen Europa und Asien, durch den seit Menschengedenken nicht nur Güter, sondern auch Ideen und Wissen transportiert worden sind, kurz: ein Gebiet mit riesigem Potential. Mit dieser Grundeinstellung haben wir den Südkaukasus dieses Jahr zum zweiten Mal bereist. Nachdem wir uns letztes Jahr im seit 2004 stark liberalisierten Georgien umgesehen haben, sind wir diesen Sommer von Jerewan aus ins aktuelle Armenien eingetaucht und dabei auf ein Land gestossen, das den Weg aus der Sowjetzeit mit merklich kleineren Schritten begeht – und auf Leute, die tief von der Vergangenheit geprägt sind und beharrlich an der Zukunft arbeiten.

 

Innerhalb einer Generation sei Armenien aus dem tiefsten Altertum in die westliche Moderne katapultiert worden – das Bild, das der Politologe Alexander Iskandaryan in Jerewan gebraucht hat, um uns die verhältnismässig langsamen politischen und wirtschaftlichen Fortschritte seines Landes zu erklären, fasst die Vielfalt der folgenden Berichte womöglich am besten zusammen. Wir sind in Armenien Opfer heidnischer Fruchtbarkeitsrituale geworden – und auf IT-Ausbildungsstätten getroffen, die weltweit ihresgleichen suchen. Wir haben mit Unternehmern über das innovative Potential der hervorragend ausgebildeten Armenier gesprochen – und mit Angehörigen der weltweiten Diaspora über die enorme Anzahl jährlicher Auswanderungen. Wir haben eine Jazzlegende besucht, die im sowjetischen Armenien der amerikanischen Musik verfallen ist, einen Oligarchen beschenkt, der (noch) keiner ist, und einen Nationalberg bestaunt, der ausserhalb der Landesgrenzen liegt. Armenien ist voller Widersprüche – denn sein Transformationsprozess ist in vollem Gang.

 

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