Abendland

«Der in Europa bereits stattfindende Kulturkampf zwischen Abendland und dem Islam als Heilslehre und Träger von nicht integrierbaren kulturellen Traditionen und Rechtsgeboten kann nur abgewendet werden durch ein Bündel von defensiven und restriktiven Massnahmen, die eine weitere Zerstörung der europäischen Werte des Zusammenlebens aufgeklärter Bürger verhindern.»

Aus dem Parteiprogramm der AfD zur deutschen Bundestagswahl im September 2017

 

Es klingt erhaben und ehrwürdig, das «Abendland». Der Begriff soll das Beste bezeichnen, was die westliche Kultur hervorgebracht hat. Heute haben vor allem die Rechtspopulisten den Begriff für sich entdeckt. Dass auch sie ihn regelmässig mit dem Adjektiv «christlich» schmücken, ist gerade im Fall der im mehrheitlich atheistischen Ostdeutschland starken AfD und Pegida («Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands») kurios. Zumindest tritt so klar vor Augen, dass man es hier mit einem Kampf- und Abgrenzungsbegriff zu tun hat. Er ist nicht unschuldig und war es auch nie.
Vom 5. Jahrhundert an war die Rede vom «christlichen Okzident» immer dann, wenn es um die ehemaligen römischen Provinzen des westlichen Europas ging, in Abgrenzung des Vatikans vom griechischen Patriarchat. Die deutsche Wortschöpfung «Abendland» entstand erst sehr viel später, als Entsprechung zu Martin Luthers «Morgenland» in seiner Bibelübersetzung, für lat. «oriens». Gemeint war damit jener Teil der Erde, der in Richtung der aufgehenden Sonne («sol oriens») liegt. «Abendland» bürgerte sich für die gen Sonnenuntergang («sol occidens») liegenden Gebiete ein.

Im Zeitalter der Romantik kam die Vorstellung einer konsistenten gemeinsamen zivilisatorischen Tradition germanischen und christlichen Erbes in diesem Abendland auf, nunmehr vor allem in Abgrenzung vom islamischen Kulturraum. Karl der Grosse wurde verklärt. Oswald Spenglers Buch «Der Untergang des Abendlandes» nach dem Ersten Weltkrieg verankerte einen Verteidigungsimpuls in den Köpfen, diesmal gegen die Russen. In Spenglers Konzeption einander ablösender Kulturen war nichts zwingend Apokalyptisches, aber es wurde so gedeutet und spielte den Nazis in die Hände.

In der Nachkriegszeit schüttelte der Begriff das Imperiale und zunächst auch das Völkische wieder ab. An die Romantik wiederanknüpfend, diente er nun, vom Katholizismus als heilsgeschichtliche Grösse aufgeladen, als universalistisch begründbares kulturelles Paradigma für die europäische Einigung. Dass es bei dieser rigorosen Umwertung nicht würde bleiben können, war absehbar. Denn im Begriff des Abendlands sind nicht Fortschritt und Offenheit angelegt, sondern Nostalgie und Abgrenzung.


Karen Horn
ist Dozentin für ökonomische Ideengeschichte, freie Autorin sowie Chefredaktorin und Mitherausgeberin der Zeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik».

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