Aargau – ein Kanton startet durch

Das Nummernschild AG bedeutet «Achtung Gefahr

» – in Zürich geht bis heute die Mär um, die

Aargauer könnten nicht Auto fahren. Dieses sich

hartnäckig haltende Vorurteil kontern die Betroff

enen längst mit einer subtilen Kritik an der

Rückständigkeit des Nachbarkantons. Sie würden

sich in der Zürcher Peripherie bloss deshalb

verirren, weil die Beschriftung mangelhaft sei.

In der Tat bemüht sich der Aargau, ein bisschen

moderner zu sein als seine Nachbarn. Im

Jahre 2005 hat der Regierungsrat eine Wachstumsinitiative

lanciert, um die Konkurrenzfähigkeit des

Kantons im Standortwettbewerb zu erhöhen. Zum

25-Punkte-Programm zählen eine wirtschaftsnahe

Forschungspolitik ebenso wie eine familienfreundliche

Bildungspolitik, Steuersenkungen für

Unternehmen und Privatpersonen, eine Binnenmarktliberalisierung

und die Stärkung der Gemeindeautonomie.

Reformen kosten, Steuersenkungen

belasten kurzfristig den Kantons- und Gemeindehaushalt.

Langfristig helfen sie dem Kanton jedoch,

Ausgaben zu reduzieren und neue Einnahmen zu

generieren. «Wer nichts investiert, der erntet nicht»,

heisst es im Papier des Regierungsrats.

Der an der Bevölkerung gemessen viertgrösste

Schweizer Kanton (579’489 Einwohner) hat

sich vom Durchschnittsschüler zum helvetischen

Musterknaben entwickelt. Im Schatten des Wirtschaftszentrums

Zürich und der Bundeshauptstadt

Bern gelegen und oft als Durchreisekanton abgetan,

hat er sich auf die liberalen Wurzeln der Gründerjahre

zu Beginn des 19. Jahrhunderts besonnen.

Vordenker wie Philipp Albrecht Stapfer und

Heinrich Zschokke hatten damals den Grundstein

zu einer modernen Demokratie gelegt und diese

im Aargau gegen die spätere Restauration erfolgreicher

behauptet als dies anderswo der Fall war.

Blinder Reformeifer war und ist freilich die Sache

des Aargauers nicht. Sei er nun im Berner Aargau,

im Freiamt, im Fricktal oder in der ehemaligen

Grafschaft Baden beheimatet, er fühlt sich seiner

Region und seiner Tradition verbunden.

So viele Menschen im Aargau leben, so klein ist

dessen Hauptort (Aarau hat nur 15’670 Einwohner).

In der Kleinräumigkeit ist das Erfolgsgeheimnis

des Kantons zu suchen: es fehlt das Zentrum.

Wo es kein Zentrum gibt, da sind die horizontalen

Verbindungen wichtiger als die vertikalen, da

begegnet man sich auf Augenhöhe. Im historisch

gewachsenen Non-Zentralismus des Aargaus liegt

ein grosses wirtschaftliches und kulturelles Potential.

Vergangenheit und Gegenwart zeigen, dass er

immer wieder neu daraus zu schöpfen weiss.

René Scheu