Aal, aalglatt, Aas, ab

Saša Stanišics furioser Erstling

In ihrem aussergewöhnlichen Roman «Als gäbe es mich nicht» erzählt die Kroatin Slavenka Drakulic, in einer verstörenden Mischung aus Dokumentarismus und Poesie, vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Ihre Protagonistin kommt aus Bosnien, ist Opfer systematischer Vergewaltigungen und Erniedrigungen und kann schliesslich nach Schweden flüchten. Ihr erster Kauf: ein Wörterbuch – «etwas Nützliches und Brauchbares in dem Leben, das sie erwartet». Ihre ersten Wörter: «Guten Tag», «Heim», «Hausfrau». Auch Aleksandar, der Protagonist von Saša Stanišics autobiographisch inspiriertem Roman «Wie der Soldat das Grammofon repariert», stammt aus Bosnien. Auch er landet im Exil, im deutschen Essen, und auch er nähert sich der neuen Sprache erst einmal mittels Wörterbuch. Doch hier ist nicht utilitaristische Ernsthaftigkeit Trumpf, sondern komische Eigenwilligkeit. Er lernt kurzerhand «die ersten zehn Wörterbuchseiten auswendig», kürt «ß» zu seinem Lieblingsbuchstaben, «Wasserhühnchen» zum lustigsten Wort und verabschiedet sich von der Asyl-Beamtin mit «Aal, aalglatt, Aas, ab, abändern, […].»

Das Unsagbare, die eigene Erfahrung mit und in ihm, wie kann man das erzählen, wie Wörter und Bilder finden, die halten? Wo sich Slavenka Drakulic für ein selbstreflexives Sprechen nahe an der Realität entscheidet, macht bereits die Wörterbuchepisode klar, dass Saša Stanišic mit Vorliebe in den skurrilen Gewässern der Komik und Groteske fischt. Das birgt zwar Gefahren; doch die umschifft Stanišics Roman erst einmal mit Bravour, indem er für die Geschichte eines Aufwachsens im zerfallenden Jugoslawien eine nur auf den ersten Blick naive Kinderperspektive wählt, die gleich zu Beginn ihre eigentliche Absicht kundtut: zu verzaubern. Ausgestattet mit Zauberhut und Zauberstab, empfängt der kleine Aleksandar von seinem Opa Slavko dessen Vermächtnis: «Die wertvollste Gabe ist die Erfindung, der grösste Reichtum die Phantasie. Merk dir das, Aleksandar, […] und denk dir die Welt schöner aus.» Was folgt, ist eine wahrlich irrwitzige Tour de Force an Erlebnissen und Figuren, die uns hineinzieht in das Universum des jungen Protagonisten – ein wunderbar unzuverlässiger Erzähler – und seiner Heimatstadt Višograd. Der Roman wird hier zur im besten Sinne karnevalistischen Literatur; ein erster grotesk-parodistischer Höhepunkt ist die Schilderung der Innenklo-Einweihung, der Pflaumenernte samt Ferkeljagd und anschliessendem Festschmaus.

Doch die genau beobachtende Kinderperspektive registriert bereits den Einbruch jener Realität, gegen die sich Aleksandars Geschichtenfülle mit ihrem Erfindungsreichtum eigentlich richtet. Titos Bilder werden im Klassenzimmer abgenommen, türkische Lieder gelten als Provokation, und auf dem Schulhof wird dem «Halbhalb» Aleksandar mit «Was bist du eigentlich?» die alles entscheidende Frage nach dem (Nicht-)Dazugehören gestellt. Dass der Übergang, den der Ausbruch des Kriegs bedeutet, den Roman eben nicht versenkt, liegt an Stanišics Bekenntnis zur Polyphonie – eine Vielstimmigkeit, die er durch unzählige Perspektivenwechsel, Verschachtelungen, Rückblenden, durch ein Buch im Buch, durch Briefe, durch die Anfertigung unfertiger Listen, kurz: durch das collagehafte Verweben vieler Geschichten und Blickwinkel erreicht. Die an und für sich konventionelle Orientierung an einer Biographie wird durch das narrative Mäandern unterlaufen, das die Bewegungen der eigentlichen Hauptfigur des Romans widerspiegelt: der Drina, des Grenzflusses zwischen Bosnien und Serbien, eines Flusses, der ständig seinen Lauf ändert, der lange die Grenze darstellte zwischen katholischem und orthodoxem Glauben, dessen Brücke bei Višograd Ivo Andric die Hoffnung gab, sie möge das Morgen- mit dem Abendland verbinden. Ein beziehungsreiches Motiv, dem wieder Opa Slavko Pate stand: «Eine gute Geschichte, hättest du gesagt, ist wie unsere Drina: nie stilles Rinnsal, sie sickert nicht, sie ist ungestüm und breit, Zuflüsse kommen hinzu, reichern sie an, sie tritt über die Ufer, brodelt und braust […].» «Wie der Soldat das Grammofon repariert» ist mehr als eine gute Geschichte, es ist viele gute Geschichten – herausragend, in ihrer Mischung aus Absurdität und Tragik, jene vom Fussballspiel zwischen Serben und Bosniaken während einer zu kurzen Waffenruhe, sowie jene vom vermeintlich homosexuellen Damm-Ingenieur Francesco.

Auch wenn sich der Roman etwas zu lange gegen sein Ende wehrt – «Ich bin gegen das Enden […]. Ich bin der Chefgenosse für das Immerweitergehen und unterstütze das Undsoweiter!» –, so ist seinem jungen Autor Saša Stanišic doch Beachtliches gelungen. Nicht nur, weil er selbst erst mit 14 Jahren zur deutschen Sprache gefunden hat, nicht nur, weil sein Buch einen wichtigen Beitrag zur sogenannten Migrantenliteratur darstellt, sondern auch, weil er einen vielstimmigen, heterogenen Text vorlegt, der auf der Ebene der Literatur genau jenen Diskursen entgegentritt, die auf eine eindimensionale national-kulturelle Identität bestehen.

Saša Stanišic, «Wie der Soldat das Grammofon repariert». München: Luchterhand, 2006.

JENS NICKLAS, geboren 1972, lebt als Kulturjournalist und Kritiker in Innsbruck.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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