(9) «Italiener müssen wir werden!»

Nicht etwa, dass Italien alles besser machte als Deutschland, schon gar nicht in der Politik. Dort indes, wo es um die Einstellung der Menschen zum Staat und zur Regierung geht, könnten die Deutschen von ihren Freunden im Süden vielleicht doch etwas lernen.

Die Wahlen sind vorüber, der Katzenjammer ist gross. Bislang wusste man wenige Minuten nach der ersten Hochrechnung, wer Kanzler bleiben oder werden würde. Jetzt ist alles anders. Die politische Landschaft in Deutschland ist unübersichtlich geworden, die bisherigen Koalitionen sind in der alten Form nicht mehr durchsetzbar. Nach elf verlorenen Landtagswahlen hat es die rot-grüne Bundesregierung geschafft, auch die Bundestagswahlen zu verlieren; nur konnte der konservative Gegenentwurf ebenfalls keine Mehrheit gewinnen.

Die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands nehmen unterdessen dramatisch zu. Erstmals in der Geschichte des Landes müssen die Rentenzahlungen teilweise kreditfinanziert werden. Die Staatsverschuldung ist explodiert und wächst pro Sekunde um ca. 1’700 Euro. Und erstmals in der Nachkriegsgeschichte hat eine Regierung keinen Haushaltsentwurf vorgelegt – zum einen aus wahltaktischen Überlegungen, zum andern deshalb, weil die Zahlen schlicht desaströs ausfallen.

Eine liberale und leistungsstarke Marktwirtschaft existiert nur noch in der verblassenden Erinnerung an das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. Zu viele Menschen in Deutschland haben vergessen, dass es sich beim wirtschaftlichen Aufschwung von damals ebensowenig wie bei der Wirtschaftskrise heute um ein Naturereignis handelt, sondern um Konsequenzen menschlicher Entscheidungen im Bereich der Wirtschaftspolitik. Es war kein Tsunami, sondern das sogenannte Stabilitätsgesetz von 1967, das die Dämme einriss und eine uferlose Staatsverschuldung möglich machte. Es war auch kein Hurrikan mit klangvollem Frauennamen, der die politisch Verantwortlichen dazu gezwungen hätte, die deutsche Einheit über die sozialen Sicherungssysteme zu finanzieren. Im Ausland schaut man mit Verwunderung und Besorgnis auf den «taumelnden Riesen», den «kranken Mann Europas, der weiterhin bettlägerig ist», wie die «Financial Times» titelte. Es wird gar vor «italienischen Verhältnissen» gewarnt.

Aber warum eigentlich? Ist Italien wirklich ein Land, vor dem man die Deutschen warnen müsste?

Italien ist mehr als das südliche Land der Sehnsucht, «wo die Zitronen blüh’n». Italien ist heute Weltklasse in Mode und Design, seine Baukunst verbindet klassische Schönheit mit hoher Funktionalität, seine Küche zählt zu den besten der Welt. Der italienische Fussball der Serie A ist absolute Spitzenklasse, ebenso der Automobilbau im Rennsport. In der klassischen Oper ist Italien ohnehin eine Ausnahmeerscheinung. Angesichts so vieler Spitzenleistungen sucht man eigentlich nur die Ausnahme, die diese Regel bestätigt und findet sie – in der Politik. Hier ist Italien schon immer chaotisch und unberechenbar gewesen und dürfte es auch in Zukunft bleiben. Selbst ausgewiesene Kenner der Verhältnisse sind nicht in der Lage, auch nur annähernd die ersten fünfzig Nachkriegsregierungen personell zu benennen. Ein bestens ausgewiesener Kollege und Historiker antwortete auf meine Frage mit Schmunzeln: «Viel zu kompliziert und verworren, das kann sich niemand merken.» Regierungen kommen und gehen, Italien aber bleibt. Man nimmt die Politik nicht zu ernst, sie hat beinahe etwas Folkloristisches, wie die Königsfamilien anderer Länder.

Dabei hat die italienische Politik durchaus einen Unterhaltungswert, der sich für ein breites Fernsehpublikum auch gut darstellen lässt. So hat es eine populäre Sexdarstellerin bei ihrem ersten Versuch auf Anhieb geschafft, ins Parlament gewählt zu werden. Die Enkelin Mussolinis hat ohne jeden Anflug von Sachwissen einen Ausflug in die Politik gewagt – und ist sofort gewählt worden. Die Lebensgeschichte des gegenwärtigen Regierungschefs Berlusconi ist ohnehin filmreif: vom Medienunternehmer zum Besitzer des AC Milan bis zum Ministerpräsidenten spielt er seine Rolle stets braungebrannt und lässig wie ein Operettenstar.

Aber worin besteht die Vorbildfunktion Italiens für Deutschland, wenn es doch so schlecht steht um die Politik? Die Antwort liegt in der Einstellung der Menschen zu ihrem Land und zu ihrer Regierung. Italien hat in der Nachkriegsgeschichte verworrene politische Verhältnisse erlebt; dennoch ist der nördliche Teil des Landes zu einem der reichsten und leistungsstärksten Wirtschaftsgebiete Europas aufgestiegen. Chaotischen politischen Verhältnissen zum Trotz – Italien ist zu Recht ein G7-Staat und in vielen Bereichen nach wie vor Weltspitze. Offensichtlich…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»