80 Jahre – Paul Nizon

Er zählt zu den Grossen der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts. Er steht, in seiner Unbedingtheit, neben Robert Walser und, in seiner Radikalität, noch über Frisch und Dürrenmatt. Und doch steht er allein, als letzter Vertreter einer literarischen Moderne, die jene Schranken, die Leben und Kunst voneinander scheiden, nicht akzeptieren konnte. Als Verächter einer Gesellschaft, die ihm – vor allem ästhetisch – missfiel.

Am 19. Dezember 2009 feiert Paul Nizon seinen 80. Geburtstag, vermutlich in Paris, wo er seit vielen Jahrzehnten lebt. Ein wirklicher Durchbruch ist dem gebürtigen Berner, der früh schon der Schweiz entfloh, und sie doch nie wirk-lich hinter sich lassen konnte, bis heute nicht gelungen. Nicht in Deutschland, wo seine Bücher – bei Suhrkamp – er-scheinen, und schon gar nicht in der Schweiz. Seinen «Diskurs in der Enge», einen Versuch, Schweizer Mentalitäten abzustreifen, haben ihm seine Eidgenossen arg verübelt. Nizon entzog sich auch den Verpflichtungen des engagierten, politisch eingreifen wollenden Schriftstellers. Er blieb, seit «Canto» (1963), ein Geheimtip, gerühmt von der Kritik, geliebt von den Kollegen, ignoriert von einem grösseren Publikum. So wurden von seinem Buch «Hund» in der deut-schen Originalausgabe 4’000 Exemplare verkauft, von der französischen Übersetzung zehnmal so viel, nämlich 40’000. Poetische Radikalität wird offensichtlich nicht überall gleichermassen goutiert.

Lange Zeit, schrieb Nizon einst in seinem «Versuch über das Sehen», habe er nichts sehen können, weil sich ihm alles in Stimmungen verwandelte, in Gefühle. Diese Stimmungen machten ihn krank. Untauglich, sich auf die Aussen-welt einzulassen. Unfähig, Erfahrungen zu sammeln und, erst recht, zu gestalten. Diese Selbstauskunft erlaubt es uns, den Beginn seiner poetischen Existenz genau zu bestimmen. Nizon ist in dem Augenblick zum Dichter geworden, als sich seine Umwelt, die Dinge, in «Stehstellen» des Ichs verwandelten. Von diesem Moment an konnte er sich schreibend an die Rückverwandlung der Stimmungen in Bilder seiner Umgebung machen. Was als persönliche Marotte erscheinen mag, lässt sich aus der Distanz als historische Diagnose lesen. Das Grundgefühl seiner Generation wurde in seiner Ju-gend auf den Begriff des Absurden gebracht. Das heisst: die Verzweiflung streifte stets das Lächerliche.

Deshalb hat sich Nizon auch oft der Groteske bedient, und, in ihrer Folge, Lachen provoziert, nicht nur bei der Be-erdigung seines Vaters. Eruptiv wehrte er die ganze Lächerlichkeit unserer Existenz immer wieder ab. Das schreibende Ich, das Nizon von seinen ersten Anfängen an ausstellte, neigte stets zu Exzessen. Wie sonst wohl nur noch Henry Miller, war Nizon von einer erotischen Energie getrieben, die zwar nie seine Verzweiflung überwinden konnte, ihn aber wenigstens in Bewegung hielt. Dabei hat er viel von Robert Walser, seinem Landsmann, gelernt. (Dem Wahlverwand-ten Walser ist übrigens einer seiner schönsten Essays gewidmet.) Das Gehen ist auch Nizon zur (ästhetischen) Form geworden, nur hat er den euphemistischen Durchlauferhitzer nicht auf Dauerbetrieb einstellen können, um, wie Walser, die gewöhnliche Welt in zierlichen Wölkchen verdampfen zu lassen. Was Walser ins Ästhetische transformierte – sub-limierte –, die Erotik, hat Nizon exzessiv ausleben wollen. Nach einer Beobachtung Georg-Arthur Goldschmidts schwindet jedoch bei Nizon mit dem erotischen Lebensgefühl auch die Neigung zur Groteske. Der Stand dieser Ent-wicklung lässt sich an seinem bislang letzten kleinen Roman «Das Fell der Forelle» so hinreissend wie faszinierend able-sen. Fast alle Bewegung ist stillgestellt. Die Dramatik tritt auf der Stelle, bis der Held, anfangs kaum sichtbar, abzuhe-ben beginnt. In einer scheinbar spröden Sprache, mit herben Charme, versucht er sich die Realität vom Leib zu halten, die ihn buchstäblich bedrückt.

Alle Helden Nizons demonstrieren ihre Herkunft aus den fünfziger Jahren. Sie zeigen aber auch, dass sich die Welt, die sie bedrängt, seitdem nicht grundsätzlich verändert hat. Ihre Haltung ist existentiell geblieben, nie politisch gewor-den. Sie liesse sich natürlich politisch interpretieren.

Stoff genug…

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