(8) Wie Günter Grass in Lenzburg fündig wurde

Günter Grass lernte im Kanton Aargau nicht nur seine spätere Frau Anna kennen. In Lenzburg begegnete ihm auch ein kleiner, selbstvergessen trommelnder Junge, der ihn zur Figur des Oskar in seinem Roman «Die Blechtrommel» inspirieren sollte.

«Liebe Binia, hier ist jener Oskar, der einst in Eurem erstgeborenen Sohn steckte», schrieb Günter Grass 1959 in das druckfrische Exemplar seines Romanerstlings «Die Blechtrommel». Ein weiteres handsigniertes Exemplar erhielt sein Freund Werner Geissberger. Die gedruckte Widmung hingegen, von der ersten bis zur heute inzwischen 16. Aufl age, gilt seiner damaligen Frau: «Für Anna Grass».

Danzig, Düsseldorf, Hannover und Paris sind die Städte, die mit der «Blechtrommel» und der Zeit ihrer Entstehung in Verbindung gebracht werden. Die beschaulichen Aargauer Städtchen Lenzburg und Wettingen hingegen werden selten erwähnt, obwohl in ihnen der Roman Nahrung und Anstoss erhalten hat. In Lenzburg lernte Günter Grass Anna Schwarz kennen; auf dem dortigen Standesamt wurden die beiden zwei Jahre später getraut. In Lenzburg beendete ein kleiner Junge mit einem Trommelwirbel Grass’ Suche nach der Hauptfigur seines Romans. Und in Lenzburg erhielt der angehende Schriftsteller, als Hochzeitsgeschenk von der Schwester seines Schwiegervaters, eine Olivetti-Reiseschreibmaschine, in die er dann, als er zeitweise zur Miete im Haus seines Schwagers Werner Geissberger in Wettingen wohnte, Bogen um Bogen für die «Blechtrommel» eingespannt haben soll. In Wettingen soll Geissberger auch den Roman noch vor dem Abdruck gelesen haben.

In den Häuten der Zwiebel, die Grass in seiner Biographie* eine nach der anderen auf der Suche nach einer Erinnerung abträgt, die wie die Kinder Verstecken spiele, scheint vieles aus den Schweizer Jahren verborgen zu bleiben. Ist es doch, «was Buchstab nach Buchstab ablesbar steht: selten ein deutig, oft in Spiegelschrift oder sonstwie verrätselt». Was Grass bei sich beschreibt, wird anderen nicht besser ergehen. Erinnerungen haben jede ihren eigenen, nach keiner gemeinsamen Norm geeichten Zeitmesser. Ihm, der bis zur SS-Enthüllung weithin unangefochtenen moralischen Instanz Deutschlands, ihm, dem Dichter internationalen Rangs und Nobelpreisträger, mag sich im Rückblick wohl vieles aus den Anfängen seiner Schriftstellerkarriere zu nicht berichtenswerten Episoden zusammengeschnurrt haben – ja in Relation zu seinem reichen Leben vielleicht haben zusammenschnurren müssen, da auch von einem Vielschreiber nicht alles notiert und verschriftlicht werden kann –, während es sich in der Erinnerung anderer, die an seinen frühen Orten zurückgeblieben sind, noch immer in farbiger Präsenz zeitlich ausdehnt. Denn wem lässt die Zwiebel nicht die Augen tränen, so dass sich, nach aussen blind, der Blick nach innen richtet, in die Labyrinthe der Imagination, die neugierig und nimmersatt Wege zurück in die eigene Vergangenheit sucht?

«Alle, wir alle, die damals in dem Haus wohnten oder aus- und eingingen, kommen in der ‹Blechtrommel› vor». Häutet Hans Zbinden – damals Student, heutzutage Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz – die Zwiebel, dann erinnert er sich an eine Zeit, in der Grass in Wettingen lebte, nur unweit von seiner eigenen Wohnung entfernt: «Im Haus von Werner und Helen Geissberger hat er als Bildhauer gearbeitet und an der ‹Blechtrommel› geschrieben.» Das Haus avancierte zum Schriftsteller- und Künstlertreff . Legendär waren schon damals die Fischsuppen, die Grass seinen zahlreichen Gästen gekocht haben soll. Legendär auch die Sommerreisen in die Bretagne mit einem alten Citroën 2 CV (Autos, die schon ab Werkstatt alt sein müssen; denn nie hört man von Fahrten in nagelneuen 2 CVs). Grass mit Staff elei, begleitet von Freunden – manch einer ebenfalls mit Malzeug im Gepäck –, von Kind und Kegel. Ein Aufbruch mit viel Trara, zu dem jedesmal die Nachbarschaft zusammenlief, eine Fahrt mit Nachtlagern am Wegrand, wie auf einem Zigeunertreck. Im Ferienhäuschen angekommen, habe man gemalt, gegessen und bis nachts diskutiert. Wann genau das alles war? Mit Sicherheit ist nur zu sagen: in einem Brief vom 27.4.1959 an seinen Freund Paul Celan schrieb Günter Grass «Wettingen» vor das Datum. Das war ein halbes Jahr, bevor die «Blechtrommel» in erster Aufl age erschien und möglicherweise die Zeitspanne, während der Werner Geissberger, der als Redaktor beim «Badener Tagblatt» arbeitete, «das Manuskript mit ihm diskutierte», weswegen ihm vom dankbaren Autor dann «das erste handsignierte Exemplar» geschenkt worden sein muss. Grass selbst hingegen fi ndet über Wettingen nichts Erwähnenswertes in die Häute seiner Zwiebel geritzt. Von der ersten Begegnung mit Anna Schwarz freilich, dem «reiselustige[n] Fräulein … einer gutbürgerlich gesitteten Familie» im «putzsaubere[n] Städtchen Lenzburg» und der Liebe zu ihr – da allerdings muss er «Buchstab für Buchstab» in epischer Fülle vorgefunden haben, auch wenn diese Liebe «keinen beschreibenden oder sonstwie deutlichen Aufwand an Wörtern erlaubt», da sie «bis auf den heutigen Tag nur Anna und mir gehört».

Viel hat der Roman, hat Grass seiner Frau Anna und ihrer Familie zu verdanken. Nach der Heirat 1954 «begann eine Zeit der Konzentration, der bürgerlichen Arbeits- und Leistungsmoral, auch des strammen Vorsatzes, all jenen etwas beweisen zu wollen, die mir (angeheiratet) ins nicht vorhandene Haus geschneit waren: solide Schweizer Bürger von bescheiden- puritanischer Lebensart, die meinem zappelnden Turnen an zu grossen Geräten mit Nachsicht und liberalem Kunstverstand zuschauten». Zur Lehre ging Grass bei James Joyces in Leder gebundenem «Ulysses» – einem Geschenk der Schwiegermutter – und bei Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz» – einer Leihgabe von Annas Onkel Paul. Doch bevor Grass auf seiner Olivetti und möglicherweise in Wettingen seinen Roman zu schreiben begann, musste ein dreijähriger Lenzburger Knabe noch einen mit Ekel auf die Welt herabschauenden Säulenheiligen, der den Mädchen «zwischen den Unsinn der Brüste» spuckte und gelassen Stand- und Spielbein wechselte, von seinem hohen Sockel schubsen. 1952 wird Matthias Scheurer in Wettingen geboren.

Zu seinem dritten Geburtstag bekommt er von seinen Eltern eine Blechtrommel geschenkt, mit rot-weissen Zacken und einem Lederband, um sie um den Hals zu hängen. Ta-ta-tam-ta-ta. Rechts, links, rechts, rechts, rechts… Matthias bewundert die auf dem jährlichen Lenzburger Jugendfest mitmarschierenden Tambouren mit ihren Trommeln. Später soll er dazugehören. (Als erwachsener Mann wechselt er dann schliesslich zum Kontrabass.) 1955 nimmt ihn seine Mutter mit zu einer Einladung der Familie Schwarz in Lenzburg. Sie sind etwas verspätet, die anderen Gäste sitzen schon plaudernd um den gedeckten Tisch. Es entwickelt sich eine jener Szenen, die jede Mutter fürchtet: die Mutter wünscht, der Sohn möge wohlerzogen den Gästen die Hand geben; der Sohn hat vieles im Sinn, nur dieses eine nicht.

Matthias zieht es vor, zu trommeln. Trommelnd betritt er das Zimmer, trommelnd läuft er um den Tisch, und ohne die Trommel auch nur einmal abgesetzt zu haben, wortlos über die ganze Zeit, ist er auch schon wieder verschwunden. Zurück bleibt die peinlich berührte Mutter, scherzende Gäste und ein schweigender Gast – Günter Grass, der endlich seinen Romanhelden gefunden hat.

Nicht ein diabolisches Wesen, sondern ein unschuldig trommelnder Dreijähriger inspiriert ihn zu der Figur des Oskar Matzerath, das gibt Matthias Scheurers Zwiebel wie jene Günter Grass’ ohne besonderes Versteckspiel preis, wenn auch mit unterschiedlicher Jahreszahl und bei unterschiedlichen Lenzburger Einladungen – 1955 bei Familie Schwarz, gemäss Scheurers Zwiebel; 1952 bei einer Freundin, liest Grass aus den Häuten seiner.

Die Hauptfigur seines sich bis dahin nur im Imaginären entwickelnden Romans, die auf einen überhöhten Standpunkt angewiesen und daher bislang als Säulenheiliger konzipiert war, wird «umgepolt» zu einem Gnom, der beschliesst, sein Wachstum dreijährig einzustellen, um so – zwar nicht mehr nach unten, sondern nach oben blikkend und dadurch weiterhin aus «entrückter Perspektive» – trommelnd, mit uhren-, brillen- und fensterglaszertrümmerndem Schreien und hungrig nach Sex in die Welt zu ziehen.

1959 ist die «Blechtrommel» vollendet. Matthias ist zu diesem Zeitpunkt 7 Jahre alt. Mit 12 beginnt er die seiner Mutter und ihm gewidmete Ausgabe das erstemal zu lesen. Veränderte sich sein heiteres, anderen Menschen zugewandtes Wesen? Stagnierte sein Wachstum? Entwickelte sich seine Stimme zu glasschneidender Schärfe, und konnte er von den Röcken der Krankenschwestern künftig nicht mehr lassen? Nein, in seinem Fall schrieb sich die Literatur nicht ins Schicksal ein wie der Wunsch der bösen Märchenfee in das Leben ihres anvertrauten Schützlings. Mit vierzehn wurde Matthias zwar, unter den sorgenvollen Blicken seiner Mutter, vorübergehend magersüchtig und näherte sich wieder dem Gewicht eines Kleinkindes. Doch er entwuchs dieser Phase, studierte bald darauf Veterinärmedizin, war politisch bei der Linken aktiv, absolvierte später in Luzern eine Ausbildung als Journalist und arbeitet jetzt in Basel bei einer Gewerkschaft: «Ich war nie mehr als ein Gebrauchsschreiber. Meine literarische Grosstat war die unschuldige Musentätigkeit. Ich war der Funke an der Zündung.»

* Günter Grass: «Beim Häuten der Zwiebel». Göttingen: Steidl, 2006. Die Zitate von Günter Grass sind seiner Autobiographie «Beim Häuten der Zwiebel», dem Gedicht «Der Säulenheilige» («Gedichte und Kurzprosa», Steidl 1994) sowie seinen Äusserungen im Rahmen einer Sendereihe des Westdeutschen Rundfunks von 1973 («Essays, Reden, Briefe, Kommentare», Luchterhand 1987) entnommen.

(0) Aargau – ein Kanton startet durch

Das Nummernschild AG bedeutet «Achtung Gefahr» – in Zürich geht bis heute die Mär um, die Aargauer könnten nicht Auto fahren. Dieses sich hartnäckig haltende Vorurteil kontern die Betroffenen längst mit einer subtilen Kritik an der Rückständigkeit des Nachbarkantons. Sie würden sich in der Zürcher Peripherie bloss deshalb verirren, weil die Beschriftung mangelhaft sei. In […]

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»