(8) Sakralisierte Katastrophen

Der Ursprung der Kultur liegt in einem Akt der Gewalt. Diese provozierende These Freuds ist in der Psychoanalyse der Ausgangspunkt für eine Kulturtheorie, die pessimistisch fragt, wie überhaupt Friede gelingen kann.

Sigmund Freuds 150. Geburtstag in diesem Jahr und die damit verbundenen Würdigungen, Festveranstaltungen und zumeist wertschätzenden Veröffentlichungen lassen leicht übersehen, dass seine Kulturtheorie immer noch ein sperriger Gegenstand ist. Das hängt nicht mit ihrer Kompliziertheit zusammen, sondern mit einer Zumutung, die in ihr enthalten ist. Am Anfang der Kultur soll kein Gesellschaftsvertrag stehen, sondern eine Gewalttat, «Urvatermord» genannt. Erst nachträglich soll diese Tat in Akten der Reue ein Umwandlung erfahren – Freud spricht von «postmortalem Gehorsam», Melanie Klein von «Wiedergutmachung». Die Gewalttat wird zu dem erhoben, was Menschen aller Zeiten zum Wertvollsten zählen: Kunst, Religion, Sittlichkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Begonnen hatte die Psychoanalyse als ärztliche Heilmethode, schien bald in Psychologie aufzugehen, um dann in der Traumdeutung zu erkennen, dass das Seelenleben auch des Normalen regelmässig archaische und pathologisch anmutende Produktionen hervorbringt. Damit weitete sich das Interesse an ihr schrittweise aus, und sie begann Bedeutung für die Geisteswissenschaften zu erlangen, zumal in derselben Zeit, ausserhalb der noch jungen Psychoanalyse, ambitionierte ethnologische, religionswissenschaftliche und ritualtheoretische Entwürfe vorlagen. Seit Darwins «Über die Entstehung der Arten» fieberten Autoren wie Robertson Smith, Frazer, Durkheim, van Gennep und andere danach, im Bereich der Humanwissenschaften gleichfalls eine übergeordnete Orientierung zu erreichen. Das veranlasste Freud, die massgeblichen Werke dieser Autoren zu lesen. Er hatte in seinen Patientenanalysen den Ödipuskomplex als Kern der Neurosen erkannt. Nun entdeckte er auch Übereinstimmungen im Seelenleben der Frühmenschen und der Neurotiker. Seine kulturwissenschaftliche Synthese legte er 1912/13 mit der Schrift «Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker» vor.

Immer, wenn Freud sich in der Folgezeit mit Fragen der Gesellschaft oder den Ursprüngen der Religionen befasste, kam er auf die dort niedergelegten Gedanken zurück. Auf dem Weg zu seinem Spätwerk, dem «Mann Moses», finden sich zahlreiche Hinweise zu seiner Kulturtheorie. So heisst es beispielsweise 1930 in «Das Unbehagen in der Kultur»: «Das Über-Ich einer Kulturepoche hat einen ähnlichen Ursprung wie das des Einzelmenschen, es ruht auf dem Eindruck, den grosse Führerpersönlichkeiten hinterlassen haben, Menschen von überwältigender Geisteskraft oder solche, in denen eine der menschlichen Strebungen die stärkste und reinste, darum oft auch einseitigste, Ausbildung gefunden hat. Die Analogie geht in vielen Fällen noch weiter, indem diese Personen – häufig genug, wenn auch nicht immer – zu ihrer Lebenszeit von den anderen verspottet, misshandelt oder selbst auf grausame Art beseitigt wurden, wie ja auch der Urvater erst lange nach seiner gewaltsamen Tötung zur Göttlichkeit aufstieg. Für diese Schicksalsverknüpfung ist gerade die Person Jesu Christi das ergreifendste Beispiel, wenn sie nicht etwa dem Mythus angehört, der sie in dunkler Erinnerung an jenen Urvorgang ins Leben rief.»

Auch 1935 in seiner Nachschrift zur «Selbstdarstellung» findet sich: «Immer klarer erkannte ich, dass die Geschehnisse der Menschheitsgeschichte, die Wechselwirkungen zwischen Menschennatur, Kulturentwicklung und jenen Niederschlägen urzeitlicher Erlebnisse, als deren Vertretung sich die Religion vordrängt, nur die Spiegelung der dynamischen Konflikte zwischen Ich, Es und Über-Ich sind, welche die Psychoanalyse beim Einzelmenschen studiert, die gleichen Vorgänge, auf einer weiteren Bühne wiederholt.» Doch die Psychoanalyse und mit ihr die meisten Humanwissenschaften verweigerten Freud mehrheitlich in diesem für ihn überaus wichtigen Punkt ihre Gefolgschaft. Es erschien als zu anstössig, dass religiöse Rituale, Moral und kulturelle Identität in einem kollektiven Mord an einem realen Opfer wurzeln, welches dann in der Folgezeit eine Erhebung zur Gottheit erfahren haben sollte.

Was ist mit dem gemeint, was Freud als Urvatermord, Urverbrechen oder Urtragödie bezeichnete? Der Garant kultureller Ordnung, der wohltätige Ahne, der mythologische Held, der Religionsstifter und der, dem Gesänge und Kunstwerke geweiht sind, ist ein vormals Verstossener oder Gemordeter! Die hier enthaltene Zumutung ist so stark, dass man lieber davon ausgeht, Freud sei in der Mitte seines Schaffens…

(7) Nach der Sintflut

Sintflut und apokalyptische Zustände sind Desaster, die in der Bibel beschrieben werden. Sie bilden den Hintergrund, vor dem die Rettung inszeniert wird: das Wunder der Schöpfung kann so ein weiteres Mal mit grosser Dramatik vor Augen geführt werden.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»