(8) Ressourcen – bewirtschaften statt rationieren

Welche Welt- und Menschenbilder stehen hinter den Ideen, die eine nachhaltige Ressourcennutzung propagieren? Es lassen sich drei Grundtypen unterscheiden: die Welt als Schöpfung Gottes (theozentrisches Weltbild), die Welt als Naturereignis (physiozentrisches Weltbild) und die Welt als Biotop des Menschen (anthropozentrisches Weltbild).

Schwierigkeiten entstehen im Spannungsfeld unterschiedlicher Welt- und Menschenbilder dadurch, dass es nicht immer einfach ist, sich klar für eine der Varianten zu entscheiden. Während man beispielsweise beim Artenschutz der Natur gern einen absoluten Vorrang einräumt, möchte man im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit den Menschen als Treuhänder, Heger und Pfleger sehen, und für das Schicksal der Erde und der Menschheit im Lauf der Jahrtausende und Jahrmillionen beruft man sich gern auf einen Schöpfergott, von dem man sich möglichst viel Wohlwollen erhofft. Die meisten Menschen versuchen die drei Ansätze je nach Situation à la carte zu kombinieren. Sehr oft muss die Umweltpolitik als Religionsersatz herhalten. Der Staat wird in diesem Fall zu jenem Gott, dem sich alle im Interesse aller unterwerfen müssen, zu einer Instanz, die für alles verantwortlich ist, von der Ressourcenverteilung bis zum Klima. Die Staatsdiener und Politiker avancieren zu allzuständigen Funktionären und werden zu einer Art «Priesterkaste», die permanent ihre Nützlichkeit und Unentbehrlichkeit unter Beweis stellen muss. So hat sie ein Motiv, immer höhere Steuern einzutreiben und gleichzeitig Rationierungsprogramme durchzusetzen: weniger zu einem höheren Preis.

Bei einem physiozentrischen Weltbild ist der homo sapiens nur eine Episode, in der sich eine Säugetierart besonders wirksam in Szene setzte und spätestens dann wieder verschwinden wird, wenn die geophysikalischen Bedingungen für ihr physisches Überleben nicht mehr vorhanden sind. Das kann in X Millionen Jahren der Fall sein, möglicherweise aber auch schon viel früher, sei es mit oder ohne menschliche Eingriffe. Die Natur als solche kümmert es wenig. Sie adaptiert sich immer an die jeweiligen Randbedingungen und braucht keine Anwälte ­– bei wem denn auch und für wen oder was? Es ist ihr gleichgültig, wenn der homo sapiens als vorherrschender Hauptnutzer oder -schädling durch Ratten, Insekten, Einzeller oder Algen abgelöst wird und schliesslich tierisches und pflanzliches Leben auf dem Planeten Erde einmal ganz erlischt.

Die Technik ist überspitzt schon als «Experiment der Natur mit dem Menschen» gedeutet worden, ein Experiment, das für die Natur – mit oder ohne Mensch – eigentlich gar nicht schiefgehen kann, es sei denn, man sehe den Menschen als Verantwortungsträger, der «höheres» Leben gegen primitiveres Leben und primitiveres Leben gegen tote Materie verteidigen muss – im Auftrag eines Schöpfergottes oder im selbstgewählten beziehungsweise -erteilten Auftrag.

Damit sind wir beim anthropozentrischen Weltbild, das wohl von niemandem ganz ausgeklammert werden kann: nachhaltige Ressourcennutzung im Interesse des Menschen selbst, Umweltschutz als «Pflege des Gartens», in dem auch noch Kinder und Kindeskinder leben wollen, Ressourcenmarkt und Umweltschutz als erweiterte, intelligente Sorge um den jeweiligen Biotop, um Erb und Eigen im weitesten und besten Sinn: Ökologie als vernünftige Ökonomie.

Nach dem theozentrischen Weltbild ist die Welt Gottes Schöpfung. Wer als «religiös Unmusikalischer» mit dem Begriff «Schöpfung» nichts anzufangen vermag, kann aus liberaler Sicht den Schöpfergott auch durch die «unsichtbare Hand», durch eine «spontane Ordnung» oder durch das Spiel des Zufalls ersetzen, aber nicht durch den Staat oder eine Weltregierung und auch nicht durch sich selbst. Es gibt offensichtlich hochkomplexe Phänomene, die sich der individuellen und der organisierten Beeinflussbarkeit entziehen. Der Mensch kann ein persönliches Verantwortungsbewusstsein nur als Träger und Mitträger innerhalb eines erlebbaren und überschaubaren Rahmens entwickeln. Als Totalverantwortliche für die Welt(un)ordnung und als Zwangsmitglied einer Gemeinschaft mit dem Auftrag der umfassenden Welterhaltung und Weltverbesserung fühlen sich die Menschen meistens hoffnungslos überfordert und ersetzen dann den eigenen Machbarkeitswahn früher oder später durch einen resignierten Fatalismus oder durch die Hoffung auf eine mächtige Führung. Welches Weltbild führt am ehesten zu jener intrinsischen Motivation, die einen ressourcenschonenden Umgang mit der Umwelt nahelegt? Meine Antwort: eine ideale Gemeinschaft, die die Welt als Schöpfung, das heisst als letztlich unerklärliches ganzheitliches, aber insgesamt wohlwollendes Projekt deutet, das konsequent…

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