(8) Optimiere dich!

E-Mail Korrespondenz mit Ulrich Bröckling Der moderne Student versteht sich als Unternehmer seiner selbst. Wer seine Entscheidungen reinem Nutzenkalkül unterwirft, riskiert jedoch, eben diesen Nutzen zu verfehlen. Ein Gedankenaustausch über
das heutige Studentendasein und die Universität als Nische des Andersseins.

Das heutige Studentendasein hat nur mehr wenig gemein mit dem literarisch überlieferten Bild des frech-fröhlichen Studenten von einst. Gefragt sind nicht nur zahlreiche fachliche und technische Kompetenzen, sondern zunehmend auch soziale Qualitäten, sogenannte Soft Skills. Wie hat im Jahre 2008 ein Lebenslauf auszusehen, der dem Uniabgänger optimale Berufschancen bietet?

Wie ein «perfekter Lebenslauf» auszusehen hat, das erfahren Sie am besten aus einem der unzähligen Bewerbungsratgeber, wie sie in jeder Bahnhofsbuchhandlung als Stapelware aufliegen. Ein Lebenslauf ist ein genormter Werbetext, mit dem Sie Ihre Lebensgeschichte so erzählen, dass Sie potentielle Arbeitgeber auf sich neugierig machen. Mit dem, wie Ihr Leben tatsächlich verlaufen ist und verläuft, mit dem, was Sie geprägt hat und wovon Sie träumen, hat das nur mittelbar zu tun. Es wäre ein spannendes Thema für eine Seminararbeit, einmal im Detail zu untersuchen, welche Normen solche Ratgeber für einen «perfekten Lebenslauf» aufstellen. Sie sagen viel darüber aus, was heute von den einzelnen erwartet wird.

Was wird denn erwartet?

Ein zügiges Studium, hervorragende Prüfungen, viele Praktika, zahlreiche Auslandaufenthalte, breite Fremdsprachenkenntnisse, gesellschaftliches Engagement, ein weit verzweigtes Netzwerk. Das Problem ist bloss: niemand kann das alles leisten, und schon gar nicht zur gleichen Zeit. Also verlegt man sich notgedrungen eher auf dieses oder jenes und lässt anderes schleifen. Das führt aber zu einem permanenten Kampf gegen ein Gefühl des Ungenügens, weil man ja zweifellos gerade Wichtiges vernachlässigt. Aus dieser Falle gibt es keinen Ausweg, weil letztlich niemand vorab präzise sagen kann, welcher Abschluss, welche Kompetenz, welche Erfahrung den Ausschlag gibt, wenn es darum geht, wer einen Job bekommt.

Ob eine Entscheidung richtig war oder nicht, zeigt sich am Markt. Wenn man hat, was andere nicht haben, ist man im Vorteil und die Berufschancen steigen – ansonsten muss man sich eben zusätzliche Kompetenzen aneignen.

In der Tat. Einen «perfekten Lebenslauf», der einem die Sorge nimmt, zu wenig oder das Falsche zu tun, kann es schon deshalb nicht geben, weil man auf dem Arbeitsmarkt miteinander konkurriert. Gäbe es die Idealbiographie, würden sich alle an diesem Ideal orientieren, und der Wettbewerb fiele weg. Das Paradox jeden Erfolgsrezepts: es funktioniert nur, wenn es kein Rezept ist und sich eben nicht alle danach richten.

Nicht zu wissen und nicht wissen zu können, welches die richtige Entscheidung ist, hat auch etwas Befreiendes.

Zugegeben: wenn ohnehin niemand sagen kann, was genau das Richtige ist, dann kann man auch nichts wirklich falsch machen. In diesem Sinne rate ich Studenten zu mehr Gelassenheit. Diejenigen, die etwas gern machen, werden es auch gut machen. Und wenn sie das, was sie gern machen, gut machen, werden andere das auch merken. Fatal ist es jedenfalls, bei jeder Lektüre, bei jedem Seminar, bei jeder Beteiligung an einer Arbeitsgruppe schon vorab zu überlegen, ob und was es später einmal nützen könnte. Die Universität ist immer noch ein Ort, wo man sich mit Fragen beschäftigen kann, die einen interessieren und mit denen man sich ausschliesslich deshalb beschäftigt, weil sie einen interessieren, ein Ort, an dem man seinen intellektuellen Leidenschaften nachgehen kann, ohne damit gleich einen ökonomischen Nutzen zu verfolgen. Diese Nischen, in denen der Verwertungsdruck noch nicht alles kommandiert, gilt es zu verteidigen.

Der Student begreift sich heute zunehmend als Unternehmer. Indem er eine Universität besucht, investiert er in sein eigenes Humankapital. Wenn die Pflege und Verbesserung des eigenen Humankapitals zum obersten Gebot avanciert, wird das Leben vielleicht anstrengender, aber auch interessanter und produktiver. Wie sehen Sie die Figur des unternehmerischen Studenten?

Der Ruf nach dem unternehmerischen Selbst erzeugt einen fatalen Sog. Ein unternehmerischer Student oder eine unternehmerische Studentin ist man ja nicht, man soll es werden. Dazu braucht es fortwährende Selbstoptimierung und permanenten Leistungsvergleich. Damit…

(1) Wille zur Exzellenz

Gespräch mit Hans Weder Will eine Universität sich international behaupten,
muss sie auf Höchstleistungen setzen. Jeder soll studieren können, aber nicht jeder muss automatisch für jedes Masterstudium zugelassen werden. Hans Weder, Rektor der Universität Zürich, wünscht sich mehr Entscheidungsautonomie für die Universitäten – und ein Ende falscher helvetischer Bescheidenheit.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»