(8) Die dunkle Flut

Wasser steht für Transparenz und Reinheit. Das ist freilich nur die halbe Wahrheit. Aus Wasser wird in Städten Abwasser und aus Abwasser wieder Wasser. Einblick in die dunkle Welt des Zürcher Wasserkreislaufs.

In jeder Sekunde entleert sich Zürich zwanzigmal. Fast zwei Millionen Toilettengänge jeden Tag. Vor allem morgens. Angestaut in nächtlichen Stunden, in denen der menschliche Organismus ruht, schwappt hinter verschlossenen Türen eine wahre Flut durch die Stadt. Oder genauer: unter ihr, in ihrer Kanalisation, dem weit verzweigten Abwassernetz Zürichs. Eine zementierte Unterwelt, die sich stets auf schiefer Bahn bewegt: vier Prozent Gefälle im Durchschnitt. Bis hin zum Tiefpunkt.

Dieser liegt in Zürichs äusserstem Westen, Bändlistrasse, Altstetten. Dort erstreckt sich zwischen Limmat, A1 Richtung Bern und der Schrebergartensiedlung Juchhof die Kläranlage Werdhölzli über einen Kilometer. Dort auch endet die Reise des Abwassers und beginnt zugleich seine Metamorphose zurück zum Urzustand, einer sauberen Verbindung aus Wasser- und Sauerstoff, H2O.

Viel Arbeit für diese letzte Station des Zürcher Wasserkreislaufs. Zwei Billionen Liter gebrauchten Wassers branden hier Jahr für Jahr an. Den Weg dorthin legt es unter Ausschluss der Öffentlichkeit zurück. Denn die einzigen Visitenkarten des Abwassers bestehen in den 50’000 Dolendeckeln der Stadt, unter denen man es manchmal brodeln und rauschen hört. Sie sind dazu da, bei starkem Regen alle achtzig Meter das überschüssige Nass vom asphaltversiegelten Stadtboden zu schlucken. Und auch, um Kanalarbeitern den Einstieg zu ermöglichen, die Sorge dafür tragen, dass dort unten, sechs, sieben Meter unter der Oberfläche, alles im Fluss bleibt.

Zurück zu den Absendern der unappetitlichen Fracht. Hinaus aus den Tiefen der Kanalisation und hinein in die «sanitären Vorrichtungen zur Aufnahme von Körperausscheidungen», wie terminologisch korrekt das WC genannt wird. Geschätzte 120’000 Exemplare davon nehmen in Zürich – trotz unterschiedlichem Design – das gleichförmige Abfallprodukt menschlichen Stoffwechsels entgegen.

Was an Flüssigkeit durch die Kehlen rinnt, drängt früher oder später, farblich verändert, wieder hinaus. Von Fachleuten wird es so schlicht wie passend als Gelbwasser bezeichnet. Was an Nahrhaftem sich seinen Weg bahnt in einen Tiefspüler, wie er fast ausschliesslich in der Schweiz benutzt wird (ein WC ohne Zwischenebene), wird als Braunwasser klassifiziert.

Im Gegensatz zur unterschiedlichen Qualität dessen, was die Städter in flüssiger oder fester Form zu sich nehmen, ist das, was sie von sich geben, bei allen dasselbe. So nivellieren sich in jenen gewissen Momenten, sitzend auf oder stehend über Keramikbecken, sämtliche Unterschiede zwischen viertem und siebtem Quartier, Mann und Frau, klein und gross. Vereint im Harndrang, geerdet im Stuhlgang. Danach aber – wenn wieder Geschäfte gemacht werden, über die man auch spricht – heisst es: aus den Augen, aus dem Sinn.

Verschwunden ist Gelb- wie Braunwasser in einem Kreislauf, der in Zürich Mitte des 19. Jahrhunderts, mit dem Wolfbach als erstem Abwasserkanal, in Betrieb genommen wurde. Heute ist die Stadt unterhöhlt von einem Kanalnetz, das zusammengelegt vom Hauptbahnhof bis nach Neapel reichen würde, 920 Kilometer lang. Und das sind nur die grösseren, öffentlichen Abwasserwege. Die privaten Leitungen, die – ausgehend von WCs, Waschmaschinen, Waschbecken und Duschen – als Zubringer zum öffentlichen System fungieren, sind zusammen nochmals fast 3’000 Kilometer lang.

Durch sie fliessen pro Tag und Kopf rund 140 Liter schmutziges Wasser, das zuvor sauber aus Limmat und Zürichsee durch Wasserhähne, Duschköpfe und WC-Spülungen gesprudelt war, in die grossen Hauptkanäle. Dreckig geworden, damit Kleidung, Klo und Körper clean bleiben. Durchsetzt mit Haaren, Waschpulver und kaltem Kaffee. Essensresten. Verdauungsresten.

Damit hat es Peter Liechti tagtäglich zu tun. Hier zum Beispiel, im Kanal unter dem Paradeplatz, wo eine der Hauptabwasseradern der Stadt verläuft. An einem Herbstmorgen kurz vor sieben herrscht Lärm wie sonst nur bei einem

Boeing-Start in Kloten. Durchgehend. «Regelmässige Spülungen sind nötig», schreit Liechti den Begleiter an, «damit der Scheissdreck hier nicht stehen bleibt.» Dreissig seiner 56 Jahre hat der Mann mit Rossschwanz und langen Ohrringen gleichsam im Untergrund verbracht, Dienstältester der ERZ, «Entsorgung und Recycling Zürich». Liechti steht knietief in dunkelbraunem Wasser, das sich aus tausend stillen Örtchen zu einem lauten, schnell fliessenden Strom vereinigt hat. Man kann sagen: Er steht im Scheissdreck der Bürger Zürichs genauso wie in seinem eigenen.

Und dass die Fäkalien von hier aus die restlichen sieben Kilometer bis zur Kläranlage ungestaut zurücklegen können, dafür tun er und seine Kollegen ihre Arbeit – angeseilt, denn das Gefälle und die Strömung lassen anders keinen Halt zu. In der Hand hält Liechti einen Hochdruckreiniger, der einer Schaufel gleicht, den sogenannten Spülschuh. Er ist verbunden mit einem dicken Schlauch, den seine Kollegen ihm von oben durch den Kanaldeckel heruntergelassen haben. Am unteren Ende des Schuhs sind Düsen angebracht, durch die mit einem Druck von 100 Bar Frischwasser aus Hydranten gejagt wird. Man könnte mit dieser Kraft einen Menschen durchlöchern. Hier befreit sie den Grund der Abwasserkanäle von Sedimenten, die sich dort im Laufe der Monate ansammeln und den Fluss blockieren. Schlamm, Sand und WC-Papier – all das gilt es aufzumischen und in Bewegung zu bringen. Meter für Meter, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Wenn die 920 Kilometer durch sind, geht es von vorne wieder los. «Damit es denen da oben nicht zum Halse steht», brüllt Liechti.

Angetan mit Ganzkörperanzug und einem Helm, dessen Lampe kleine Lichtkegel in die Dunkelheit frisst, drückt er das Gerät auf den Grund. Infernalischer Lärm bricht sich an den mannshohen Wänden und immer wieder spritzt ihm dunkle Gischt ins Gesicht.

Fast 120 Menschen beschäftigt die Stadt für die Abwasserarbeit: Kanalarbeiter, Ingenieure, Geologen. Investiert jährlich 50 Millionen Franken in die Instandhaltung des gesamten Systems. Doch verwendet wird das Geld nicht nur für die Reinigung, sondern auch, um poröse Leitungen wieder dicht zu machen. Denn die Wände aus Beton und Zement werden mit den Jahren und Milliarden Litern von Abwässern brüchig. Teils aus natürlichem Verschleiss; noch mehr aber greifen die säurehaltigen Abwässer das Material an.

Das Abwasser fliesst vor allem an einen Ort: aus zwei Schlünden schiessen jede Sekunde 4500 Liter in die Kläranlage Werdhölzli, eine der modernsten Europas. Ungefiltert geht es zunächst in die Rechenhalle. «Wer hier arbeiten muss, hat keine Frau mehr», sagt lächelnd Peter Feusi, stellvertretender Leiter der Kläranlage. Und tatsächlich ist in der quadratischen Halle der Gestank wohl noch stärker als sonstwo im Abwasserkreislauf der Stadt, grösser auch als in den Kanälen, weil hier alles zusammenkommt und dazu durch Spiralen künstlich verlangsamt wird. Alles Sichtbare wird hier aussortiert, Matchboxautos, Gebisse, ein abgelaufener Ausländerausweis. So was zum Beispiel kommt hier öfter an.

Vor Jahren, davon zeugt ein Bericht, der an der Wand hängt, wurde hier mal eine Lesung der besonderen Art gehalten. Dort steht: «Für den Abend des 29. Oktober 1985 wurde eine Lesung des Bestsellers ‹Das Parfum› gehalten. Die im Roman thematisierte Welt der Gerüche war Anlass, eine möglichst dem Thema entsprechende Kulisse für die Lesung zu finden.» Eine prosaische Umgebung für Süsskinds Prosa sozusagen und gewiss nicht nach jedermanns Geschmack.

Was nach der Rechenhalle folgt, ist das Vorklärbecken, in das sich dann die restlichen Feststoffe wie Fäkalien, Papier- und Essensreste absenken. Ehe es zur letzten Stufe, zum Feinschliff geht: zur biologischen Reinigung. Wo mit Hilfe von Mikroorganismen, zumeist Bakterien, die unsichtbaren Gifte aus dem Abwasser geklärt werden.

Nach einer einen Kilometer langen Katharsis dann verabschiedet man im Werdhölzli zu – nach eigener Aussage – 99 Prozent gesäubertes Wasser in die Limmat. Gute Reise. Und bis bald.

«Ein intellektuelles Bollwerk
gegen Informationsflut und Mainstream –
anregend, genüsslich und ganz einfach anders.»
Jobst Wagner, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»