(8) Der Schatz der Klassiker

Texte brauchen nicht leicht und eingängig zu sein, um zum Lesen zu motivieren. Im Gegenteil. Klassikertexte haben ihren Reiz – gerade auch für Schüler –, weil sie fremd erscheinen und nicht gedankenlos konsumiert werden können.

I’ll teach you differences

(King Lear I,4)

 

Noch vor kurzem war die Ansicht zu hören, dass nun wieder die gesprochene Sprache vorherrschen werde, weil mit den elektronischen Medien die natürliche Sprachform des Sprechens und Hörens vermehrt zur Anwendung käme und ausserdem Bilder zu den entscheidenden Informationsträgern würden. Die Schriftlichkeit sei im Rückzug begriffen, das Ende des Gutenbergzeitalters nahe.

Die entscheidende Neuerung im Gefolge Gutenbergs bestand jedoch nicht in dem spektakulären Druckverfahren. Seine Erfindung – oder besser Findung – war viel weniger materiell-technisch als in sprachlicher Hinsicht revolutionär. Denn das (Zusammen-)Setzen von Texten aus beweglichen Lettern löste das bis dahin zusammenhängende Wortbild der Handschrift in seine kleinsten kombinatorischen Einheiten – die Buchstaben – auf. Gutenberg selbst war noch stark an diesem Handschriften-Bild orientiert; die Letternschrift des ersten Bibeldrucks gestaltete er so kunstvoll, dass sie von Handschrift nicht zu unterscheiden war. Tatsächlich ermöglichte Gutenbergs Erfindung dann die Loslösung von den traditionell gegebenen Texten als Schreib-, Sprech- und Höreinheit und schuf die Möglichkeit, jede beliebige sprachliche Formation mit den Zeichen des Alphabets überall und jederzeit graphisch sichtbar und – buchstabierend – entzifferbar zu machen. Da aber die Erläuterung von Neuerungen immer bei Bekanntem anknüpft, wurde lange die Geschichte erzählt, diese gedruckte Sprache sei lediglich die Umsetzung und Begleitung der gesprochenen. Tatsächlich aber bewirkte die Drucktechnik eine gewaltige Änderung unserer Verständigung, mit Folgen für die gesamte Lebensgestaltung. Viele und ganz neue Texte konnten nun konzipiert und auch verstanden werden. Spektakulär wurde die «erbauende» Literatur der Dichtkunst und der Wissenschaft, viel eindringlicher und umfassender jedoch war die Möglichkeit, sämtliche Angelegenheiten der Gesellschaft mit diesem neuen Instrument der kombinatorischen Schriftlichkeit zu erfassen, zu ordnen und zu lenken.

Die neue Allgegenwart der Texte ermöglichte es, diese ohne Hilfe eines Interpreten oder Vorlesers stumm (also ohne lautes Vortragen) zu entziffern, die in ihnen formulierten Gedanken zu begreifen und auch danach zu handeln – immer vorausgesetzt, man konnte lesen. So bildete sich langsam die Kulturtechnik des konzentrierten und stillen Lesens aus und ihr Erfolg zeitigte eine exponentielle Steigerung der Quantität und eine erhebliche Beschleunigung im Umsatz von Sprachtexten.

Die heutige Digitalisierung der Schrift und Texte ist zunächst faszinierend und suggeriert eine revolutionierende Neuerung. Tatsächlich ändert sich aber nur die Materialität der Gutenbergschen Buchstabenschrift: Leuchtspuren auf Bildschirmen statt Druckerschwärze auf Papier. Und so hat die Elektronifizierung die Verständigung keineswegs verändert. Die eigentliche Erfindung Gutenbergs wurde sogar ausgeweitet – die Buchstaben sind das Finde-, Ordnungs- und Darstellungskriterium des «Internets». Das Internet kann ohne das Prinzip der Einzelzeichen (Buchstaben und Ziffern) nicht funktionieren, und die meisten seiner Inhalte sind mittels derselben formiert. Die Elektronifizierung hat keine qualitative Änderung der Verständigung erbracht, sondern eine quantitative; es stehen wesentlich mehr Texte wesentlich mehr Teilnehmern zur Verfügung. Und das bedeutet, dass erheblich mehr Menschen schreiben und dass ihrer noch viel mehr als zuvor diese Texte aufnehmen wollen. Die Kulturtechnik des Lesens ist in viel weiterem Masse erforderlich.

Die öffentliche Meinung hat auf diese Entwicklung schon lange reagiert. Von einem Ende des Gutenbergzeitalters ist nichts mehr zu hören; statt dessen sprechen alle davon, wie wichtig das Lesen sei, so wichtig, dass bei internationalen Bildungsstudien die Überprüfung der schulischen Ausbildung im verstehenden Lesen als entscheidendes Kriterium des Schulerfolgs angesehen wird. Das ist für die Schule nicht grundsätzlich neu. Allerdings führt das Lesenlernen nur dann zum Erfolg, wenn es als selbsttätige Sprachleistung angelegt wird und nicht als reine Ablesetechnik. Damit ist und bleibt es Aufgabe der Schule, Lesen als aktive sprachliche Fähigkeit zu vermitteln, und das bedeutet produktive Sinnkonstitution von Inhalten, entlang den Vorgaben eines geschriebenen Textes. Sinnvoll sind hierfür Texte, die mit ihrem inhaltlichen Reichtum diese Sinnkonstitution ertragreich machen, Texte, die sich einem unmittelbaren,…

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