Christoph Luchsinger, zvg.

Woher kam der Schuss?

Ein physikalisches Phänomen erklärt, warum Zeugenaussagen falsch sein können.

 

Die Polizei wird oft mit falschen Zeugenaussagen konfrontiert, die ohne böse Absicht zum Besten gegeben werden. Die Farben von beteiligten Autos decken gerne das ganze Farbenspektrum ab, und wenn Porträts in einer Polizeidatenbank durchforstet werden, ist aus psychologischen Experimenten bekannt, dass mancher Schauspieler oder sonstige Berühmtheit ganz sicher am letzten Casinoüberfall beteiligt war. Es gibt hingegen Erinnerungen, welche aus physikalischen Gründen unzuverlässig sind, wie folgende fiktive Geschichte zeigt.

Die Szene: Ein ruhiger Abend in Zürich, zwei Männer gehen auf der Bahnhofstrasse Richtung See, der eine auf dem linken Trottoir, der andere auf dem rechten. An einer Kreuzung angelangt, hören sie Schüsse. Eine Person wird weiter vorne am See tödlich getroffen.

Bei der Vernehmung durch die Polizei geben beide Zeugen zu Protokoll, zwei Schüsse gehört zu haben. Der zweite kam von hinten, da sind sie sich einig. Der Mann vom linken Trottoir hat zudem einen Schuss von rechts aus einer Seitenstrasse gehört – der Mann auf der rechten Seite behauptet hingegen steif und fest, der erste Schuss sei von links gekommen. Wollen die beiden die Polizei in die Irre führen?

Wir müssen keine bösen Absichten unterstellen – als Erklärung genügt ein physikalisches Phänomen. Wenn der Schuss beispielsweise mit doppelter Schallgeschwindigkeit (660 Meter pro Sekunde) etwa 330 Meter hinter den Männern abgegeben wurde, fliegt das Projektil nach einer halben Sekunde zwischen den beiden Männern hindurch. Die Männer hören zuerst den Überschallknall des Projektils, der eine von links, der andere von rechts. Erst eine weitere halbe Sekunde später, also eine ­Sekunde nach Schussabgabe, hören die Zeugen den Knall des Schusses, welcher sich mit Schallgeschwindigkeit (330 Meter pro Sekunde) bis zu ihnen ausgebreitet hat. Dieser Effekt macht ­viele Zeugenaussagen zu Schüssen weitgehend nutzlos.

Der Effekt lässt sich auch in harmloseren Situationen beobachten. Wenn Sie das nächste Mal an einem Schiessstand vorbei­spazieren und ein lautes «Da-Dagg» hören, wissen Sie, dass hier nicht zwei Schüsse abgegeben worden sind, sondern nur einer.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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