(7) Nach der Sintflut

Sintflut und apokalyptische Zustände sind Desaster, die in der Bibel beschrieben werden. Sie bilden den Hintergrund, vor dem die Rettung inszeniert wird: das Wunder der Schöpfung kann so ein weiteres Mal mit grosser Dramatik vor Augen geführt werden.

Die Umgangssprache benützt den Ausdruck «apokalyptisch» für den worst case. Filme und Science-Fiction-Romane haben den Ausdruck stärker geprägt als die Bibel, der er entnommen ist. Apokalypse heisst «Enthüllung, Offenbarung» und ist der Name des letzten Buches im Neuen Testament, der «Offenbarung des Johannes». Betrachtet man dieses Buch statistisch, so findet man durchaus 150 Verse mit Unglücksfällen und Katastrophen. Ebenso bietet es jedoch rund 150 Verse mit Trost und Hoffnung, sowie etwa 120 Verse, die direkt Gott und Christus betreffen. Dass die Apokalypse zum Paradigma für den worst case wurde, war nicht zwingend. Das hängt eher mit einer inneren Disposition zusammen, die uns Menschen eigen ist.

Die tiefste Anfechtung, mit der der Mensch leben muss, ist das Wissen um den eigenen Tod. Um tote Artgenossen trauern können auch Tiere, doch ist kaum anzunehmen, dass sie vom Verlust auf den eigenen Tod schliessen. Der Mensch, sofern er nicht selber darauf kommt, erfährt vom eigenen Tod durch die Sprache. Dass von mir dereinst nichts mehr übrig bleiben wird, kann die Grundfesten meines Wesens erschüttern. Dürrenmatt behauptete sogar, die ganze Kultur sei gegen den Tod gebaut. Das mag übertrieben sein. Aber zweifellos sind wir bemüht, die Todesschatten, insbesondere das Welken unseres Körpers, zu verhindern oder zu verschleiern. Wir hassen den Tod, doch weil er sich nicht vertreiben lässt, gibt es die Alternative, ihn zu lieben. Das Umschlagen vom Todeshass zur Todesliebe lässt sich auch kulturgeschichtlich dokumentieren. Mit der Aufklärung übernahm der Mensch die Regie und machte aus der Schöpfung die Werkstatt seiner Projekte. Was dabei herauskam, ist bewundernswert. Noch kein Geschlecht verschaffte seinen Ärmsten eine vergleichbare Lebensqualität, und noch nie war der Respekt vor jedem einzelnen Menschen so hoch wie heute.

Allerdings steckte die Aufklärung die Ziele zu hoch: sie vermochte weder das Paradies zu errichten noch den Tod auszuschalten. Als das im 20. Jahrhundert nicht mehr zu übersehen war, schlug der Anspruch ins Gegenteil um. Wenn wir schon nicht in der Lage sind, die Welt zum Paradies zu machen, gelingt es uns wenigstens, sie zu zerstören. Die Vision einer durch Menschenhand zerstörten Erde ist die auf den Kopf gestellte Hybris der Aufklärung. Sie ist keineswegs aus der Luft gegriffen, sondern stützt sich auf Prognosen. Die Prognosen des Club of Rome über «Die Grenzen des Wachstums» wurden zwar seit 1970 mehrmals widerlegt und korrigiert. Gleichwohl erzeugten sie ein Umweltbewusstsein und veränderten das politische Klima, ja sie bewirkten sogar enorme Verbesserungen bei der Energienutzung.

Blinkende Alarmlampen können Prioritätenordnungen neu aufmischen und Strukturen verändern. Umweltschutzprojekte, mit einer Prise Panik gewürzt, können Gelder freisetzen, die eigentlich gar nicht vorhanden sind. Terrorprävention, von Angstmache der Medien unterstützt, kann Bürger- und Freiheitsrechte gefährden. Rettungsaktionen, und seien sie auch nur zugunsten einer Fluggesellschaft, können den Rechtsstaat übertölpeln, wobei die ordnungspolitischen Flurschäden nachhaltiger sind als die Rettung. «Feuerwehreinsätze» im Megabereich sind problematisch, weil unklar ist, ob es sich wirklich um einen Brand handelt. Dennoch sind solche Einsätze populär und erfreuen sich oft auch der Zustimmung der Kirchen. Grundlage dafür bildet die Auffassung, Gott handle durch die Politik. Dieser Standpunkt ist das Gegenteil von Hoffnung. Die Hoffnung in der Apokalypse hat nichts gemein mit jener Selbstzufriedenheit, die von politischen oder sonstigen guten Werken ausgeht. Von den Problemlösungen der Gegenwart führt kein direkter Weg ins Reich Gottes. Es gibt Zeiten, wo alles Suchen nach neuen Wegen die Sache nur schlimmer macht, weil zwei Übel zur Wahl stehen, zum Beispiel Abermillionen von Menschen in Armut zu belassen oder horrende Umweltschäden hinzunehmen. Da greifen die Theorien von der Kontinuität der Geschichte zu kurz.

Genau an diesem Punkt tritt nun die Hoffnung auf den Plan, die Botschaft der Apokalypse. Die Zukunft ist blockiert, und…

(2) Worst Case als Show

Ökokatastrophe, Globalisierungsverlierer, Vergreisung der Gesellschaft: hinter der Beschwörung von Worst-Case-Szenarien können handfeste Interessen stehen. Bewahrung und bestenfalls Anpassung des Bestehenden sind die Folge, auf Kosten von Kreativität und der Suche nach neuen Lösungen.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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