(7) Hesch mi lieb?

Das Verdingkinderwesen im 19. und 20. Jahrhundert
ist eine Folge davon, dass das Dreieck aus Erziehung, Arbeit und Liebe in Schieflage geriet. Biblisch-theologische Kriterien können für die richtige Gewichtung den Blick schärfen.

«Und während die fröhlichen Vögelein so lustig sangen, so frei sich lustig machten an der warmen Sonne, unter dem lieben heitern Himmel,

zogen viele, viele Kinder mit schweren Herzen und trüben Gesichtern der Bettlergemeinde zu; sie fühlten die warme Sonne nicht, sie sahen den blauen Himmel nicht, ihnen war’s wie den Vögelein, die man im

lustigen Mai in die Kräze tut, in die Stube hängt und in einem Tröglein das Fressen ihnen sorgsam zumisst, welches sie früher unter Luft und Jubel nach Belieben selbst gesucht.»

Jermias Gotthelf: «Bauernspiegel», Kapitel 7

Wurden Verdingkinder an einer «Bettlergemeinde» feilgeboten und womöglich ausgenützt, so war das zweifellos ein Unrecht. Für Jeremias Gotthelf war jedoch die Kinderarbeit nicht das Hauptproblem. Und schon gar nicht sah er die Ursache der Misere im «System»; denn oft waren es die Eltern, «welche ihre Kinder der Gemeinde auf den Hals werfen wollten, denen man die heimliche Freude ansah, ihrem eigenen Fleisch und Blut bald loswerden zu können» (ebenda).

Arbeits- und Elternethos waren schon in der Antike Veränderungen unterworfen. Von Hesiod noch gerühmt, geriet die Arbeit später in Verruf und galt als erniedrigend. Der Wohlstand der Polis beruhte weitgehend auf Sklavenarbeit, und im Römerreich führte die Geringschätzung der Arbeit zur Entvölkerung grosser ländlicher Gebiete, während sich in den Städten eine arbeitsscheue und korrupte Plebs ansammelte. Bereits im Hellenismus hatte nicht Arbeit, sondern das Beziehungsnetz einen gehobenen Lebensstandard gesichert.

Von dieser Einstellung zur Arbeit unterschied sich das Judentum deutlich. Hier war Arbeit geachtet, sofern sie der Tora entsprach. «Geh zur Ameise, du Fauler, sieh dir ihre Wege an, und werde weise… Wie lange, du Fauler, willst du liegen bleiben, wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?» (Sprüche 6,6–9). Sogar die Rabbiner, deren Schriftgelehrsamkeit hochgeachtet war, erlernten einen Broterwerb. Denn der Fluch, der auf der Arbeit lastet (1 Mose 3,16f), bezieht sich nicht auf die Arbeit als solche, sondern auf die Mühsal als Begleiterscheinung, wie die Schmerzen bei der Geburt.

Da bereits Adam in Eden arbeitete, ist Arbeit das Los des Menschen. Auch im Neuen Testament geniesst die Arbeit eine hohe Wertschätzung. Jesus selber war vermutlich Zimmermann. In der bekannten Geschichte von Maria und Martha (Lukas 10) tadelt Jesus nicht Marthas Leistung, sondern bloss ihren Übereifer. Jede Arbeit hat ihren Wert, auch wenn er nicht adäquat entschädigt wird (Lukas 17,10). Auch Paulus übte einen Beruf aus und betrachtete es als Ehre, davon leben zu können (2

Thessalonicher 3,8). Bei diesem biblischen Arbeitsethos könnte man fast auf die Idee kommen, dass die Arbeit auch für Kinder und Verdingkinder ein Segen sein müsse. Doch das wäre voreilig.

Die zum Teil grobe Behandlung von Waisen und Halbwaisen im 19. und weit bis ins 20. Jahrhundert ist ein Nachspiel des Menschenbildes des 18. Jahrhunderts. Die Epoche der Aufklärung war zwar eine Kultur des Rationalismus. Doch liebte und pflegte auch sie ihre irrationalen Mythen – ähnlich wie das Mittelalter, dem sie so selbstbewusst die Vernunft entgegenhielt. Die Aufklärung hatte nicht nur ihre Historiker, Naturforscher und Journalisten, sondern auch ihre Freimaurer, Rosenkreuzer und Quacksalber. Und der Absolutismus, dieser irrationale Vulkan-ausbruch, ist nur erklärlich, wenn man ihn als System erkennt, das auf den naiven Glauben an die menschliche Güte und auf den Mythos der menschlichen Vernunft gegründet war. Noch als Kant seine Vernunftkritik schrieb und als Goethe um das richtige Verhältnis zwischen Wahrheit und Dichtung rang, wurden in Übersee Sklaven gejagt, verfrachtet und verkauft.

Der Basler Theologe Karl Barth hat den Menschen des 18. Jahrhunderts als denjenigen beschrieben, der keinen Kaiser mehr hat. Der Kaiser hatte Distanzen und Kompetenzen nach unten und oben fixiert. «Von Gottes Gnaden» bedeutete anfänglich die Anerkennung eines übergeordneten, nämlich des göttlichen Rechts.…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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